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2. September 2015

„Von der Raumwahrnehmung zur Raumgestaltung.“ Prof. Dr. Axel Buether, Wuppertal

Prof. Dr. Axel Büther, Bergische Universität Wuppertal

Prof. Dr. Axel Büther, Bergische Universität Wuppertal

Alle Wahrnehmungen und Vorstellungen unserer Existenz in der Umwelt sind räumlich und zeitlich strukturiert. Das entspricht der Natur unserer Sinneserfahrungen, die das Gehirn in einem Gedächtnismodell der äußeren Welt ordnet. Es sind die erkannten Irrtümer, Fehler und Misserfolge, durch die wir lernen, da das Gehirn die Raumvorstellungen unwillkürlich korrigiert und erweitert. Werden Gedächtnisareale durch Alter, Krankheiten oder Unfälle beeinträchtigt, verändert sich unser Vorstellungsraum auf die gleiche Weise wie der Wahrnehmungsraum. Andersherum können wir unseren Vorstellungsraum durch die sinnliche und kognitive Auseinandersetzung mit dem Wahrnehmungsraum gezielt entwickeln. Jede Form der Umweltgestaltung hat daher direkte Konsequenzen für die Strukturen unseres Gehirns. Der Kulturraum vermittelt uns die Gebrauchsanweisung seiner Benutzung. Wir nehmen wahr, wohin wir uns orientieren müssen, wie wir Dinge benutzen oder womit wir interagieren können. Ästhetische Begriffe wie Schönheit besitzen eine entwicklungsdynamische Relevanz, da sie nicht allein unserem Wohlgefallen dienen, sondern Gradmesser kultureller Leistung und Bildung sind. Der Begriff „Kulturelle Evolution“ ist keine Metapher, sondern das Kennzeichen unserer Spezies, die sich nicht mehr nur ihrem Lebensraum perfekt anpasst, sondern diesen nach ihren Bedürfnissen gestaltet und sich hierdurch selbst fortentwickelt.

Die Erforschung unserer Raumwahrnehmung ist die Leitwissenschaft der Umweltgestaltung, von der Stadtplanung über die Architektur bis zur Innenarchitektur und Szenografie. Verlassen wir uns bei der Beurteilung von Raumqualitäten ausschließlich auf das eigene Bauchgefühl, vernachlässigen wir die Perspektiven der meisten anderen Menschen. Empathie ist von Vorteil, doch längst keine ausreichende Grundlage für die Beurteilung der Wahrnehmungsqualität von Lebensräumen. Die Raumwahrnehmung verändert sich im Verlauf eines Lebens und ist darüber hinaus abhängig von zahlreichen Umweltfaktoren. Unsere Ansprüche an die Gestaltung von Raum verändern sich mit der körperlichen und geistigen Reife, dem Einfluss von Kultur und Bildung oder dem Gesundheitszustand. Menschen brauchen individuell gestaltete Räume, da wir verschieden sind, unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen haben.

Raum funktioniert wie Sprache, was nicht verwunderlich ist. Die Semantik und Syntax des Raumes zeigt sich am Verlauf der Gehirnströmungen im Wahrnehmungsprozess. Während der sogenannte „Was-Strom“ zum semantischen Gedächtnis führt, aktiviert der „Wie/Wo-Strom“ im prozeduralen Gedächtnis die mit dem Ereignis verknüpften Handlungszusammenhänge und Verhaltenszustände. Unsere Raumwahrnehmung gilt weder abstrakten Gestaltfigurationen oder mathematisch bestimmbaren Geometrien, sondern den emotional wirksamen und kognitiv bedeutsamen Teilen der äußeren Erlebnissituation, die ein sinnvolles Ganzes bilden. Raumwahrnehmung folgt dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit, was sich am Lernprozess von Kindern gut beobachten lässt. Aus dem Gebrauch der Dinge und der Entdeckung unserer Interaktionsmöglichkeiten entwickeln sich Handlungsroutinen, weshalb wir kaum noch bemerken, dass es sich bei der Raumwahrnehmung um einen Aneignungsprozess handelt. Ein kurzer Blick reicht meist aus, um uns zu orientieren, das Handlungspotenzial zu erkennen und ein Urteil zu bilden. Kinder erleben, dass ihnen die Räume ihrer Umgebung zunehmend mitteilen, wie sich die Dinge um sie herum verhalten und wozu sie diese gebrauchen können. Als Erwachsene spüren wir die Erweiterung unserer Wahrnehmungsfähigkeiten in dieser Weise, sobald wir fremde unbekannte Räume betreten, uns auf neue Erfahrungen einlassen und herausfordernde Aktivitäten ausprobieren. Das ist ein Plädoyer für unkonventionelle Ideen in der Raumgestaltung, wie die Erprobung neuer Farbkonzepte, Beleuchtungssituationen, Materialkombinationen und Möblierungsvorschläge.

Funktionsstruktur der menschlichen Raumwahrnehmung:

Die Verarbeitung der Raumdaten durch unsere Sinne erfolgt im Gehirn, die Strukturbildung durch Interaktionen zwischen Mensch und Umwelt. Jede Funktion kann in Folge von Verletzungen beeinträchtigt werden oder verloren gehen.

A) Was – Gedächtnisstrom: Multisensuelle Bedeutungsstruktur des Raums (Semantisches Gedächtnis)

  1. Farb- und Lichtstruktur des Raums
  2. Form- und Materialstruktur des Raums
  3. Gleichgewichtsstruktur des Raums
  4. Bewegungs- und Zeitstruktur des Raums
  5. Geruchs- und Geschmacksstruktur des Raums
  6. Ton- und Klangstruktur des Raums

B) Wie/Wo-Gedächtnisstrom: Handlungsstruktur des Raums (Prozedurales Gedächtnis)

  1. Gestische Struktur – Zu welchem Zweck zeigt sich etwas?
  2.  Typologische Struktur – Wie zeigt sich etwas?
  3.  Topologische Struktur – Wo und wann zeigt sich etwas?
  4.  Perspektivische Struktur – Zu wem und zu was zeigt sich etwas?

Die Atmosphäre eines Raums setzt sich aus allen Ebenen der menschlichen Wahrnehmung zusammen. Die meisten Raumdaten, wie Lichtreflexe, Spiegelungen, Transparenzen, Farbvariationen oder Nebengeräusche und Gerüche werden unbewusst verarbeitet. Wenn sie fehlen, wirken Räume künstlich und befremdlich wie Animationen, in denen das atmosphärische Licht und die Modulation der Oberflächenstrukturen fehlen oder wie Musik, in denen keine Obertöne mitschwingen. In der Filmproduktion werden Atmosphären daher mit großem Aufwand generiert, angefangen bei der Auswahl von Drehorten und Drehzeiten bis zur Postproduktion des Filmmaterials. Hierbei werden viele Ebenen der Raumwahrnehmung sorgfältig in Szene gesetzt, die im Bereich der Raumgestaltung oft vernachlässigt werden. Wie wirken die Proportionen der Raumsituationen in Bezug auf den handelnden Menschen? Woher kommt das Licht? Welche Farbtemperatur und welches Farbspektrum hat das Licht? Wie breitet sich das Licht im Raum aus? Wie fühlen sich die sichtbaren Oberflächen für den Betrachter an? Wie klingt ein Raum? Wie riecht ein Raum?

Wer meint, dass man Gerüche oder Oberflächenqualitäten nicht visuell wahrnehmen kann, der sei auf den Stand der Gehirnforschung verwiesen: alle Wahrnehmungen sind assoziativ miteinander vernetzt und werden im Augenblick des Erlebens aktiviert. Aus diesem Grund können Farben frisch wirken, Appetit anregen oder Übelkeit verursachen. Raumatmosphären wirken besonders emotional, da sie unseren gesamten Körper auf das äußere Ereignis einstimmen, was sich bis hin zum Einfluss auf die Stoffwechselfunktionen nachweisen lässt. Die Atmosphäre eines Raums bestimmt die Intensität und Qualität unseres Erlebens.

Professor Dr. Axel Büther lehrt Didak­tik der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­tion im Fach­be­reich Design und Kunst an der Bergischen Universität Wuppertal
www.axelbuether.de
Erschienen in der AIT 9/2015

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