bdia anerkannt! Master für India Sophie Stöppel „Stairway to Sprachband“

Masterarbeit SS 19 an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, Detmold
Betreuung: Prof ‘in. Iris Baum, Prof. Johannes Brückner

Allgemein
Früher war die Treppe ein Statussymbol und auch heute wird sie als Visitenkarte eines Gebäudes bezeichnet. Treppen sind eines der wichtigsten Elemente eines Gebäudes und oft zentral in ihm verordnet. Jedoch werden kaum philosophische oder poetische Texte über dieses Bauteil verfasst und oft wird sie als nur Verkehrsfläche gesehen. Oftmals wird die Treppe als Zeitverschwendung und Hindernis wahrgenommen, jedoch passiert weitaus mehr in diesen Räumen als das reine Hoch- und Runtergehen. Durch eine Installation soll dieser Raum wieder mehr an Bedeutung, Wichtigkeit und Aufmerksamkeit gewinnen. Die Treppe bekommt baulich einen großen Anteil an Aufmerksamkeit und mit einer Installation auch gestalterisch und optisch. Diese Installation soll neue Denk-, Handlungs- und Erlebnisräume bieten und das Potential von Treppenräumen darstellen. Dabei rücken wichtige Aspekte in den Vordergrund:

  • Die Bewegung auf den Treppenstufen wird oftmals als lästig und anstrengend empfunden, ist jedoch unverzichtbar auf der Treppe. Durch diese Bewegung gelangt Dynamik in den Raum, welcher gleichzeitig als belebend, aber auch als hektisch wahrgenommen werden kann. Diesen Energieverbrauch, der im Treppenraum vorzufinden ist, gibt es in dieser Konzentration in keinem anderen Raum. Die Ballung der Bewegungen gibt es sonst nur in Räumen, die für sportliche Aktivitäten vorgesehen sind.
  • Zufällige Begegnungen führen zu spontanen Gesprächen an und auf der Treppen. Da die Treppe meist der Hauptverkehrsweg ist, um Etagen und Höhenniveaus zu überwinden, treffen dort viele Personen unerwartet aufeinander. In diesem Raum werden mehr soziale Kontakte geknüpft und gepflegt, als angenommen wird. Dadurch entsteht ein inoffizieller, zufälliger Treffpunkt, an dem die Gemeinschaft eines Gebäudes gestärkt wird.
  • Die Treppe ist neben dem Zeichen für Prestige, ein Symbol für Sicherheit. In der heutigen Zeit, mit Aufzügen und Rolltreppen, gibt die Treppe ,in beispielsweise Brandfällen oder bei einem Stromausfall, Sicherheit durch ihre massive und robuste Bauweise (notwendiges Treppenhaus). Symbolisch gesehen, bietet die Treppe sogar in den Höhen einen Boden unter den Füßen und damit ein Sicherheitsgefühl für ihre Nutzer.
  • Zwar haben es Personen im Rollstuhl oder mit Einschränkungen nicht leicht eine Treppe zu erklimmen, dennoch ist sie für alle Menschen gemacht und ist somit kein Privileg einer Gesellschaftsgruppe, wie zum Beispiel ein Auto. Für Personen mit Einschränkungen wurden herkömmliche Treppe aber auch erfahrbar gemacht (unter Anderem Treppenlifte).
  • Die alltägliche Nutzung dieses Elements zieht allerdings einen Bedeutungsverlust nach sich, welcher aufgrund der Benutzungsroutine entsteht. Daher folgt das Interesse und die Aufmerksamkeit an der Treppe selbst. Der Umgang mit ihr ist bekannt und selbsterklärend, bedingt durch die menschliche Evolution.
  • Durch ihre Ausmaße nimmt die Treppe viel Platz ein und erstreckt sich meist über mehrere Etagen. Dabei machen die Räume eine vertikale Bewegung und Streckung. Handelt es sich um eine offene Treppe, kann diese Höhe und Größe über das Treppenauge erfahrbar gemacht werden für den Nutzer und imposant auf diesen wirken.

Sprachband
Die Installation „Sprachband“ ist für jeden offenen Treppenraum mit einem durchgängigem Treppenauge gestaltet. Die Masterthesis behandelt den offenen Treppenraum der TH-OWL in Detmold und verdeutlicht die Kommunikation in diesem Räumen, allerdings in einer anderen Art und Weise als sie dort auftritt. Sie wird als schriftliche und gleichzeitig ruhige Kommunikation dargestellt, in Form von Plakaten oder Zetteln, um den Geräuschpegel in diesem belebten und dynamischen Raum nicht weiter ansteigen zu lassen. Die Installation macht das Treppenauge zum Mittel des Zwecks in Hinsicht auf die Kommunikation und bespielt somit einen bisher „toten Raum“. Dank dieser Installation werden dem Nutzer die Dimensionen und Ausmaße der Treppe spürbar und erfahrbar gemacht.
Die bildlichen und schriftlichen Botschaften werden mit Hilfe der eigenen Bewegung auf der Treppe weitertransportiert und im Treppenraum verbreitet. Sie werden über ein Transportband, welches an Fahrradketten erinnert, im Treppenauge über die gesamte Raumhöhe transportiert. Die Bewegung der Nutzer setzt das Transportband in Bewegung und sorgt damit für die Vermittlung bzw. Verbreitung der Botschaft oder Informationen. Jeder Nutzer erschafft Bewegung für die Gemeinschaft und stärkt den Informationsaustausch mit seiner eigenen Bewegung, indem er Neuigkeiten mit seinen Mitmenschen teilt. Benutzt dieser die Treppenstufen, wird das interaktive System aus Mechanik, Technik und Sensorik angetrieben. Die ganze Dynamik wirkt um das Treppenauge herum, schafft aber mit der Installation einen zusätzlichen im Mittelpunkt des Geschehens. Diese Informationen, vermittelt durch Plakat oder Print, werden hauptsächlich in der untersten Etage, am Stehpult, in die Gliederketten gehangen. Mit Hilfe eines Start-/Stoppknopfes werden die unabhängig von einander laufenden Gliederketten gestoppt und können dort mit Plakaten oder Zetteln bestückt werden. Da die Plakate an der jeweiligen Achse gewendet werden, sind diese beidseitig bedruckt. Beide Seiten der Plakate können unterschiedlich gestaltet werden und beispielsweise für ein Frage-Antwort-Spiel oder zur Darstellung von Gegensätzen eingesetzt werden. Darüber hinaus kann vom Gestalter entschieden werden, ob es eine Unterscheidung der Informationen für den Treppenweg und den Flur gibt oder ob beide Seite einheitlich informiert werden.
Bei einer Unterbrechung einer der Lichtschranken, welche auf jeder Treppenstufe angeordnet sind, wird ein Paar Gliederketten um eine bestimmtes Strecke weitergeführt und bleibt so lang in Bewegung wie Bewegung auf der Treppe herrscht. Werden die Lichtschranken länger als 4 Sekunden unterbrochen, indem sich der Nutzer dort beispielsweise auf ein Gespräch einlässt, fahren die nächst gelegenen Plakate auf die Augenhöhe der stehengebliebenen Person. Ziel dahinter ist es, dass diese Person die Mitteilung während der Unterhaltung näher betrachten kann und informiert wird.
Allerdings vermittelt die Installation selbst eine Kommunikation, die aufzeigt wie viel Bewegung auf der Treppe herrscht bzw. lässt darauf schließen, wie viele Personen sich auf der Treppe befinden. Außenstehende können demnach die Übersetzung der Bewegung auf der Treppe beobachten und von außerhalb die Informationen mitverfolgen. Die Aktion der Installation wird durch ihre optische Gestaltung zum Highlight des Raumes. Mechanik und Technik werden bewusst sichtbar gelassen, um das Interesse und die Aufmerksamkeit des Nutzers auf sich zu ziehen. Dabei haben die Gliederketten, die Zahnräder und die Motoren einen industriellen Charme und stellen durch ihre filigrane und luftige Gestaltung keinen störenden Kontrast zur vorhanden Gestaltung dar. Jedoch stehen diese filigranen, kleinteiligen Elemente im Kontrast zu den massiven Bauelementen der Treppenkonstruktion oder aber auch zu der gesamten Höhe des Treppenraumes. Des Weiteren wird die Integration durch das Aufgreifen vorhandener Farben und Materialien angetrieben und schafft dadurch kein fremdwirkendes Bild im Mittelpunkt des Raumes. Die Kettenglieder bestehen aus einem Fliegersperrholz und sind mit stahlfarbenden Schrauben und passenden Hülsen ausgestattet.
Der Treppenraum erhält durch diese Installation neue Aufmerksamkeit und neues Ansehen. Gleichzeitig schafft sie eine Motivation die Treppe zu nehmen und auf den Aufzug oder die Rolltreppe zu verzichten. Die Thematik der Kommunikation in Treppenräumen wird aufgegriffen und auf eine andere Art der Kommunikation übersetzt, ohne dabei einen lauteren Raum zu erschaffen. Dabei steht die Förderung der Gemeinschaft im Vordergrund, etwas durch das eigene Handeln für andere Personen zu bewegen.
India Sophie Stöppel


Jury: Rena Karenfort | außerordentliches Mitglied im bdia, Birte Mahnken | bdia ausgezeichnete im Vorjahr, Marcus Henn | Innenarchitekt bdia, Kerstin Geppert | Innenarchitektin bdia
Jurybegründung: Die Installation „Sprachband“ inszeniert Kommunikation in Treppenräumen auf eine besondere Art und Weise. Botschaften werden an das sehr detailliert ausgearbeitete System angeheftet und kommunizieren so mit Personen und dem Ort. Dabei findet in dem Treppenraum eine vertikale Bewegung und Streckung statt. So gelangt Dynamik in den Raum.
Überzeugend neben der Idee sind außerdem die hervorragende Präsentation und der hohe Ausarbeitungsgrad mit besonderer ästhetischer Qualität.