bdia.nrw_Durchblick: Rentenvorteil schützen

 Änderungen im Befreiungsrecht der Deutschen Rentenversicherung

Durch Änderungen im Befreiungsrecht der Deutschen Rentenversicherung müssen Angestellte aufmerksam sein: Denn die Vorteile die Angestellte im Versorgungswerk haben sollte man sich nicht nehmen lassen. Achten Sie auf eindeutige Formulierungen schon bei bestehenden Stellenbeschreibungen und die Befreiungen nach jedem Jobwechsel.

Was hat sich geändert?

Am 31.10.2012 hatte sich das Bundessozialgericht (BSG) mit der Wirkung einer Befreiung berufsständisch Versorgter von der Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung nach § 6 Sozialgesetzbuch 6. Buch (SGB VI) befasst.

Das BSG hat geurteilt, dass jede Entscheidung über die Befreiung eines Pflichtmitgliedes eines Versorgungswerkes von der Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung nur für eine ganz konkrete Beschäftigung bei einem bestimmten Arbeitgeber oder für eine tatsächlich ausgeübte selbständige Tätigkeit gilt. Wird diese Beschäftigung oder selbständige Tätigkeit aufgegeben, endet die Wirkung der Befreiung. Soll die Befreiungswirkung auch für eine spätere Beschäftigung oder selbständige Tätigkeit herbeigeführt werden, ist ein neuer Befreiungsantrag zu stellen.

Wer ist von den Änderungen betroffen?

Nicht alle Mitglieder des Versorgungswerks sind gleichermaßen von den Änderungen betroffen. Es ist zu unterscheiden:

  • Ein Beschäftigungsverhältnis wurde bzw. wird nach dem 31.10.2012 aufgenommen.
  • Ein Beschäftigungsverhältnis wurde vor dem 31.10.2012 aufgenommen. Das Mitglied des Versorgungswerkes ist „klassisch berufsspezifisch beschäftigt“.
  • Ein Beschäftigungsverhältnis wurde vor dem 31.10.2012 aufgenommen und das Mitglied
    des Versorgungswerkes übt eine andere berufsspezifische Tätigkeit aus.

Was ist zu beachten, wenn ich ein Beschäftigungsverhältnis nach dem 31.10.2012 aufnehme bzw. aufgenommen habe?

Schließt ein Architekt nach dem 31.10.2012 erstmals einen Arbeitsvertrag ab bzw. tritt er bei seinem bisherigen Arbeitgeber eine Stelle an, die sich wesentlich von der bisherigen Tätigkeit unterscheidet, und möchte er sich erstmals von der Versicherungspflicht in der DRV befreien lassen bzw. befreit bleiben, muss er einen Befreiungsantrag bei der DRV stellen.

Diesem Befreiungsantrag sollte der Arbeitsvertrag, zumindest auszugsweise, beigegeben werden. (Vgl. auch die Informationen Ihres Versorgungswerks „Befreiung von der Versicherungspflicht – Worauf muss ich achten?“) Aus dem Arbeitsvertrag sollte hervorgehen, dass der Beschäftigte als Architekt beschäftigt ist. Sollten Sie Zweifel haben, dass Ihr Arbeitsvertrag diesbezüglich eindeutig formuliert ist, sollten Sie dem Befreiungsantrag eine Stellen- und Funktionsbeschreibung beilegen, die von Ihrem Arbeitgeber unterschrieben ist und Ihre Tätigkeit ausführlich beschreibt. Sollte eine Stellenausschreibung existieren, mit der ausdrücklich ein „Architekt“/eine „Architektin“ gesucht wurde, sollten Sie auch diese mit dem Befreiungsantrag einreichen. Hinsichtlich etwaiger zu beachtender Fristen etc. für den Befreiungsantrag wird zur Vermeidung von Wiederholungen auf die einschlägigen Informationen des Versorgungswerkes verwiesen.

Wann ist mein Arbeitsvertrag bzw. meine Stellen- und Funktionsbeschreibung so eindeutig formuliert, dass ich von der Versicherungspflicht bei der DRV befreit werde?

Auf diese eindeutige Frage gibt es leider (noch) keine eindeutige Antwort. Während es zu dieser Frage bei anderen freien Berufen (etwa bei den Rechtsanwälten und Ärzten) zahlreiche Gerichtsentscheidungen gibt, haben sich die Sozialgerichte – jedenfalls soweit ersichtlich – bei Architekten noch kaum mit der Befreiungsthematik befasst. Aus der Rechtsprechung, die zu den anderen freien Berufen ergangen ist, lässt sich jedoch ersehen, dass es in jedem Fall wichtig ist, dass sich aus Ihrem Arbeitsvertrag bzw. Ihrer Stellen- und Funktionsbeschreibung eindeutig ergibt, dass Sie die Berufsaufgaben eines Architekten bzw. Innenarchitekten erfüllen.

Die Berufsaufgaben des Innenarchitekten nennt § 1 Baukammerngesetz (BauKaG NRW). Danach ist die Berufsaufgabe der Innenarchitekten und Innenarchitektinnen die gestaltende, technische, energetische, wirtschaftliche, ökologische und soziale Planung von Innenräumen (vgl. § 1 Abs. 2 BauKaG NRW).

Wie Bauwerke konkret zu planen sind, bildet die HOAI mit ihren Leistungsphasen ab. Auch die Leistungsphasen, in denen Sie tätig sind, sollten Sie möglichst konkret im Arbeitsvertrag bzw. in Ihrer Stellen- und Funktionsbeschreibung darstellen.

Darüber hinaus gehören folgende Tätigkeiten zu den Berufsaufgaben des Innenarchitekten (vgl. § 1 Abs. 5 BauKaG NRW):

  • Beratung, Betreuung und Vertretung des Auftraggebers in den mit der Planung und Aus- führung eines Vorhabens zusammenhängenden Angelegenheiten sowie die Überwa- chung der Ausführung.
  • Sachverständigen-, Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten, sowie Dienstleistungen bei der Vorbereitung und Steuerung von Planungs- und Baumaßnahmen und bei der Nutzung von Bauwerken und die Wahrnehmung der sicherheits- und gesundheitstechnischen Belange.

Positiv auswirken sollten sich auch schriftliche Erklärungen des Arbeitgebers, dass die in Rede stehende Stelle ausschließlich von einem Architekten wahrgenommen werden kann.

Bitte beachten Sie allerdings auch: Die Befreiung von der Rentenversicherungspflicht ist tätigkeitsbezogen und nicht personenbezogen. Das heißt: Für die DRV und die Sozialgerichte (vgl. nur Landessozialgericht NRW, Urteil v. 11.06.2013, Az.: L 18 R 843/11) ist es völlig unerheblich, dass Sie „überhaupt“ Mitglied der AKNW sind. Es wird vielmehr ausschließlich auf Ihre derzeit ausgeübte Tätigkeit geschaut und darauf, ob diese befreiungsfähig ist. Deshalb sollten Sie, wie bereits dargestellt, Ihrem Befreiungsantrag Ihren Arbeitsvertrag und ggf. eine ausführliche Stellen- und Funktionsbeschreibung beilegen. Ihre Mitgliedsurkunde bei der AKNW reicht alleine nicht aus.

In „meiner“ Stellenanzeige wurde nicht ausdrücklich nach einem Architekten gesucht. Ist eine Befreiung nun nicht mehr möglich?

In der Rechtsprechung ist anerkannt, dass es für eine Befreiung unschädlich sein kann, wenn in einer Stellenbeschreibung ursprünglich ein engeres Tätigkeitsprofil aufgeführt wurde. Das engere Tätigkeitsprofil habe lediglich eine „Indizwirkung“. Abzustellen sei auf die konkret ausgeübte Tätigkeit. Hilfreich könnte in diesem Zusammenhang möglicherweise – auch diesbezüglich gibt es (noch) keine Rechtsprechung – auch eine schriftliche Erklärung des Arbeitgebers sein, dass ihm im Laufe des Stellenausschreibungsverfahrens bewusst geworden sei, dass die Stelle bestmöglich nur mit einem Architekten besetzt werden sollte und er bei einer erneuten Ausschreibung von Anfang an (nur) nach einem Architekten bzw. einer Architektin suchen würde.

Ist die AKNW im Befreiungsverfahren beteiligt?

Nein. Die AKNW ist im Befreiungsverfahren nicht beteiligt. Beteiligte im Befreiungsverfahren sind von Gesetzes wegen ausschließlich der (bislang) berufsständisch Versicherte und die DRV.

Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf Folgendes:

Die Frage, ob ein Architekt aktuell eine berufsspezifische Tätigkeit ausübt und deshalb von der Pflichtmitgliedschaft in der DRV befreit werden kann, ist eine reine Rechtsfrage, die für den jeweiligen Einzelfall abschließend nur und ausschließlich von der DRV bzw. – im Fall eines Gerichtsverfahrens – nur und ausschließlich von den Sozialgerichten beantwortet werden kann.

Was ist zu beachten, wenn ich mein Beschäftigungsverhältnis vor dem 31.10.2012 aufgenommen habe, Mitglied des Versorgungswerkes bin und „klassisch berufsspezifisch beschäftigt“ bin?

Diese Konstellation ist weitgehend unproblematisch. Nach dem Informationsschreiben der DRV gilt hier Folgendes:

„Für berufsständisch Versorgte, die in der Vergangenheit für die Ausübung einer klassischen berufsspezifischen Tätigkeit befreit worden waren und nach einem Arbeitsplatzwechsel vor dem 31.10.2012 eine derartige Tätigkeit weiterhin ausüben, gilt für die Dauer dieser aktuellen Be- schäftigung ein Vertrauensschutz.

Bei dieser Berufsgruppe war die Deutsche Rentenversicherung in der Vergangenheit zur Verwal- tungsvereinfachung generell davon ausgegangen und hatte dies auch nach außen so vermittelt, dass einmal erteilte Befreiungen bei einem Arbeitgeberwechsel ihre Gültigkeit behalten, solange auch der neue Arbeitgeber bestimmte Kriterien erfüllt und eine entsprechende Tätigkeit ausgeübt wird. So mussten z. B. Krankenhausärzte, Apotheker in Apotheken oder Rechtsanwälte bei anwaltlichen Arbeitgebern nicht bei jedem Arbeitgeberwechsel einen neuen Befreiungsantrag stellen. Für diese Fälle verbleibt es in der aktuellen Beschäftigung bei der bisherigen Praxis. Das heißt: Befreiungsanträge müssen zwingend erst bei einem weiteren Wechsel der Beschäftigung gestellt werden. Auf Wunsch ist zur Klarstellung auch eine Antragstellung für die aktuell ausgeübte Beschäftigung möglich. Für bereits beendete Beschäftigungen werden nachträglich keine Be- freiungsbescheide erteilt.

Im Falle einer Betriebsprüfung ist es in den oben beschriebenen Altfällen ausreichend zum Beleg der Befreiung von der Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung den ursprünglichen Befreiungsbescheid vorzulegen und die aktuell ausgeübte Tätigkeit zu skizzieren.“

Was eine „klassisch berufsspezifische Tätigkeit“ und im Gegensatz dazu eine „andere berufsspe- zifische Tätigkeit“ ist, definiert die DRV nicht. Es ist aber davon auszugehen, dass ein Architekt in einem Architekturbüro eine „klassische berufsspezifische Tätigkeit“ ausübt. Ein Architekt in der Immobilienverwaltung oder in einem Industrieunternehmen übt hingegen eine „andere berufsspe- zifische Tätigkeit“ aus.

Was ist zu beachten, wenn ich meine aktuelle Beschäftigung vor dem 31.10.2012 aufgenommen habe und eine andere berufsspezifische Tätigkeit, also etwa eine Tätigkeit in der Immobilienverwaltung oder in einem Industrieunternehmen, ausübe?

Zur Vermeidung von Wiederholungen ist auch in dieser Konstellation zunächst ein Blick auf das Informationsschreiben der DRV zu werfen:

„Anders zu beurteilen sind berufsständisch Versorgte, die in der Vergangenheit für die Ausübung einer berufsspezifischen Beschäftigung oder Tätigkeit befreit worden waren, sich aber durch ei- nen Arbeitsplatzwechsel vor dem 31.10.2012 von dieser Beschäftigung oder Tätigkeit gelöst haben. In diesen Fällen war die Befreiung für die neue Tätigkeit in den vergangenen Jahren regelmäßig von einer konkreten Arbeitsplatzbeschreibung abhängig, da nur berufsspezifische Tätigkeiten nach § 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB VI befreiungsfähig sind.

Dies war offenbar nicht allen Betroffenen in dieser Deutlichkeit bewusst. Zwar sind in vielen Fäl- len für die aktuell ausgeübten Beschäftigungen jeweils Befreiungsanträge gestellt und positiv beschieden worden. Andere Betroffene haben sich die Weitergeltung ihrer ursprünglichen Befreiung schriftlich durch die Deutsche Rentenversicherung bestätigen lassen. Für beide Personengruppen liegen aktuelle Befreiungen vor.

Daneben gibt es aber viele, die keinen neuen Befreiungsantrag gestellt haben und damit nicht im Besitz einer Befreiung für die aktuell ausgeübte Beschäftigung sind, obwohl diese möglicherweise als berufsspezifisch anzusehen ist. Diesen Personen wird die Möglichkeit eingeräumt, für ihre eventuell bereits seit längerem ausgeübte Tätigkeit die Antragstellung bei der Deutschen Rentenversicherung nachzuholen, um die Beschäftigung beurteilen zu lassen.“

Nach Auffassung der Deutschen Rentenversicherung ist die letztgenannte Personengruppe gut beraten, möglichst zeitnah einen Befreiungsantrag zu stellen, um ihren Versicherungsstatus zu klären. Die DRV führt hierzu in ihrem Informationsschreiben wörtlich aus:

„Ergibt die Antragsbearbeitung das Vorliegen der Befreiungsvoraussetzungen, dann wird eine Befreiung ab dem Datum der Antragstellung ausgesprochen. Beiträge zur gesetzlichen Renten- versicherung sind für diese Beschäftigung weder zukünftig noch für die Vergangenheit zu zahlen, um einen lückenlosen Schutz durch die berufsständische Versorgungswerke zu garantieren.“

Sollten Sie sich entschließen, einen Befreiungsantrag zu stellen, sind diesem Befreiungsantrag die Unterlagen beizugeben, die vorstehend in der Konstellation „Beschäftigungsaufnahme nach dem 31.10.2012“ bereits genannt wurden. Das sind:

  • Arbeitsvertrag
  • Ggf. Stellen- und Funktionsbeschreibung
  • Ggf. Stellenausschreibung
  • Ggf. Erklärung des Arbeitgebers, dass diese Stelle unbedingt mit einem Architekten zu besetzen ist.

Zum Inhalt der vorgenannten Dokumente gilt ebenfalls das, was oben bereits gesagt wurde. Es ist anhand von § 1 BauKaG und den Leistungsphasen der HOAI deutlich herauszuarbeiten, dass der Beschäftigte aktuell die Berufsaufgaben eines Architekten wahrnimmt.

Hinsichtlich der weiteren sozialversicherungsrechtlichen Folgen, die bei einer positiven/negativen Bescheidung des Befreiungsantrages entstehen, wird auf das schon mehrfach erwähnte Informa- tionsschreiben der DRV und das Informationsschreiben Ihres Versorgungswerkes verwiesen.

Was ist zu tun, wenn die DRV meinen Antrag auf Befreiung ablehnt?

Lehnt die DRV den Antrag auf Befreiung ab und Sie sind der Auffassung, das sei zu Unrecht geschehen, sollten Sie umgehend gegen den ablehnenden Bescheid vorgehen.

Aufgrund der Bedeutung der Angelegenheit für Ihre persönliche Altersversorgung ist es zudem ratsam, möglichst frühzeitig – evtl. bereits bei der Formulierung des Arbeitsvertrages – Rat bei einem auf das Sozialversicherungsrecht spezialisierten Rechtsanwalt, etwa einem Fachanwalt für Sozialrecht, einzuholen bzw. durch Ihren Arbeitgeber einholen zu lassen. Die Rechtsanwalts- kammern führen hierzu spezielle Fachanwaltslisten.

Wie geht es weiter?

Die Fortentwicklung des Berufsbildes ist eine Daueraufgabe, der sich die zuständigen Gremien der AKNW ständig widmen. Für die anstehende Novellierung des BauKaG hat die AKNW bereits einen entsprechenden Vorschlag für die Weiterentwicklung des § 1 BauKaG gemacht.

Wie bereits erwähnt sind insbesondere die Rechtsanwälte den Architekten insofern „voraus“, als die DRV bereits seit Jahren diese Berufsgruppe besonders beobachtet. In diesem Zusammen- hang haben DRV und Rechtsanwalts-Versorgungswerke gemeinsam Tatbestandsmerkmale entwickelt, um rechtssicher befreiungsfähige Beschäftigungsverhältnisse abzugrenzen. Es wird derzeit geprüft, ob eine derartige Übereinkunft auch zwischen der DRV und den Architekten- Versorgungswerken sinnvoll sein könnte.

Derzeit sind noch weitere Verfahren vor dem Bundessozialgericht anhängig. Im Interesse der berufsständisch Versicherten ist zu hoffen, dass die höchstrichterliche Rechtsprechung schnell eine umfassende Klärung der Befreiungsthematik bringt. Wir halten Sie auf dem Laufenden!

Aus AKNW-Praxishinweis „Änderungen im Befreiungsrecht der Deutschen Rentenversicherung“ (Stand: 21.02.2014 / FHa)