Die Heimatmacher – Deutscher Pavillion auf der Architekturbiennale Venedig 2016

Vier spektakuläre Öffnungen im denkmalgeschützten Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig bieten wahrlich neue Perspektiven, auf den Ort, auf sich selbst, auf unsere Gesellschaft. 48 Tonnen Ziegelsteine sind aus den denkmalgeschützten Wänden herausgebrochen und verwandeln den Pavillon in ein offenes Haus. Mit dieser Geste fordern die Kuratoren des Deutschen Architekturmuseums DAM dazu auf, über Deutschland als offenes Einwanderungsland nachzudenken.

Für die Dauer der Biennale wird es von Mai bis November 2016 keine geschlossenen Türen im Deutschen Pavillon geben. Tag und Nacht steht er offen. Die Öffnung der Wände wurde mit der venezianischen Denkmalschutzbehörde akribisch abgestimmt. Die dreiseitigen Stahlrahmen sind erdbebensicher ausgeführt und werden im Zuge des Rückbaus wieder entfernt. Dennoch ist umstritten, wie massiv durch diese räumliche Interpretation in die Denkmalsubstanz eingegriffen wurde. Aber die architektonische Geste ist stark: „Während Zug um Zug einzelne Staaten ihre Grenzen schließen, um die Festung Europa zu sichern,“ schreibt Architekturtheoretiker Prof. Dr.-Ing. Werner Durth in einem Kommentar, „werden in Venedig Mauern geöffnet, zunächst nur für einen Sommer, als Ermutigung für eine andere Politik im Geist der Einheit Europas, in Verpflichtung auf die unantastbare Würde des Menschen.“

Im Pavillion selbst sind 35 ausgewählte Bauten für Flüchtlinge und Migranten dokumentiert. Das Spektrum reicht von temporären, riesigen Leichtbauhallen über individuelle Bürgerinitiativen bis zu konkreten Projekten des dauerhaften, kostengünstigen Wohnungsbaus, der nicht allein Geflüchteten eine Bleibe bieten soll. Einen Schwerpunkt bilden Holzmodulbauten.

Der Titel „Making Heimat“ macht deutlich, dass der Aufenthalt von Dauer sein kann. Und die Ausstellung zeigt auch, wie sich Einwanderer mit ihresgleichen zusammenschließen. So entstehen, ganz ohne Planung, eine Vielzahl von „Arrival Cities“, informelle, oftmals ungeplante Orten der Ankunft und des ersten Bleibens. Sie bieten günstige Mieten, Zugang zu Arbeitsplätzen und ein kulturelles, ethnisches Netzwerk, das die Ankommenden aufnimmt und einen sozialen Aufstieg ermöglicht. Dieses Modell der Arrival City wird in der Ausstellung Making Heimat auf Beispielen aus Deutschland angewendet. Eines davon ist das Dong Xuan Center in Berlin-Lichtenberg, ein vietnamesischer Großmarkt, in dem vieles gänzlich anderes funktioniert, als man es in Deutschland gewohnt ist. cu

www.makingheimat.de

Der Artikel ist erschienen in der AIT Juli/August 2016.