bdia.nrw_Einblick: Fachforum Theorie der Innenarchitektur

Die „Theorie der Innenarchitektur“

Die „Theorie der Innenarchitektur“ ist seit jeher die Grundlage der innenarchitektonischen Lehre. Ohne eine profunde Theorie ist innenarchitektonisches Entwerfen und zielgerichtetes Planen ja auch gar nicht möglich. Innenarchitektur ist eine etablierte akademische Fachdisziplin, der ein sehr differenziertes theoretisches Wissensspektrum zugrunde liegt. Es findet selbstverständlich aktive Forschung statt, vor allem auch an den Hochschulen in NRW. Die Begriffe Ästhetik, Psychologie und Wahrnehmung beschreiben die Theorie Dimensionen der Innenarchitektur und ermuntern zu einer wissenschaftlichen Herangehensweise an unseren Beruf.

Dennoch sucht man nach Veröffentlichungen zur Innenarchitekturtheorie in Deutschland meist vergeblich, wohingegen die „Design Theorie“ oder die „Architektur Theorie“ bereits gängige Begriffe und Lehrfelder sind.

Wir vom bdia nrw,  dem einzigen Berufsverband der Innenarchitekten*innen, haben es uns zum Ziel gesetzt, dieses Vakuum nun mit Inhalten aufzufüllen.

1. Fachforum in der TH OWL

Den ersten Schritt machten wir mit dem 1. Fachforum zur „Theorie der Innenarchitektur“, das wir in Kooperation mit der TH OWL in Detmold und in enger Zusammenarbeit mit der Peter Behrens School in Düsseldorf am 06.07.2019 veranstaltet haben. Und das Thema stieß auf großes Interesse. Rund 45 Besucher nahmen an der Veranstaltung teil.

Etablierung der „Innenarchitektur Theorie“ durch den bdia in NRW

Wir vom bdia nrw werden uns in Kooperation mit den Hochschulen und der AKNW für die Etablierung der „Innenarchitektur Theorie“ als wissenschaftliche Disziplin weiter einsetzen und gemeinsam eine digitale Plattform für die Informationsbereitstellung und den Informations-Austausch entwickeln.

bdia nrw Landesvorsitzender Jürgen Otte moderierte das Fachforum und führte mit den nachfolgenden Gedanken in das spannende Thema ein:

„Thomas Geuder aus Stuttgart ist Journalist und Redakteur der Internetseite „Der Raumjournalist.net“ Er schreibt anlässlich einer vom bdia in Person meines Kollegen Renee Pier inspirierten Veranstaltung im September 2016:

„Die Innenarchitektur als praxisnahe Disziplin hat keine eigene Theorie. Diese fehlende Reflexion ist ein „missing link“, dessen Überbrückung dem gesamten Berufsstand eine deutliche Bereicherung bringen könnte.“

Ja, genau das ist mein, das ist genau unser Ansatz vom bdia nrw: Wir möchten mit diesem Fachforum unseren Berufsstand bereichern! Und wir möchten dafür sorgen, dass auch wir vom bdia nrw dafür sorgen, dass eine Reflexion möglich wird. Mit dem Titel: „Einführung in die Dimensionen der Innenarchitektur“ habe ich mir eventuell etwas viel vorgenommen. Aber vielleicht kann diese Begrüßung eine erste Bestandsaufnahme darstellen und somit den Einstieg in die heutige Veranstaltung erleichtern.

WAS ? oder WAS finden wir vor?

Zu uns als sozialem Wesen, als das wir uns als Menschen verstehen, gehört das Vorhandensein einer schützenden Behausung. Sie zählt zu unseren Grundbedürfnissen. Sie dient als Schutz- und Überlebensraum unserer Gruppe. Mit dieser Behausung verbunden ist immer auch der Innenraum. Lässt sich nun aber der Innenraum ausreichend über seine Hülle beschreiben? Können wir uns darauf verlassen, dass bereits vorhandene Architektur- und Design-Theorien unser Objekt der Betrachtung, den Innenraum, ausreichend beschreiben? Ich meine nicht!  Sicherlich können wir hier unseren ganz eigenen, zum Teil ergänzenden und sicherlich notwendigen Beitrag leisten. Mein Kollege Rene Pier schreibt 2018 dazu:

„Innenarchitektur ist keine erst entstehende Disziplin, Innenarchitektur ist eine wahrhaftige akademische Fachdisziplin mit einem reichen Schatz an theoretischem Wissen und lebendiger Forschungstätigkeit.“

Die öffentliche Darstellung dieser Forschungstätigkeit und das „zur Verfügung halten“ von Ergebnissen und Theorieansätzen muss intensiver von uns verfolgt werden. Rene Pier schreibt weiter:

„Innenarchitektur ist nicht eine Unterabteilung der Architektur sondern eine eigene Disziplin zur Gestaltung der Beziehungen von Menschen und Dingen im Raum. Es ist Zeit für einen Perspektivwechsel.“

WIE?

Ich komme zurück auf das Zitat des Raumjournalisten. Er spricht von Reflexion. Versteht man „Reflexion“ als das Zurückwerfen von Wellen an einer Grenzfläche, dann kann es bei der „Theorie der Innenarchitektur“ darum gehen, die unterschiedlichen „Grenzflächen“ zu lokalisieren, zu erforschen und so zu beschreiben, dass eine sich daraus ableitende Allgemeingültigkeit einen Vergleich mit vorhandenen, ablesbaren Innenraumdimensionen möglich macht. Was meine ich damit:
Nehmen wir nochmals das Bild der Reflexion. Werfen wir das Licht auf das Objekt unseres Interesses, und schauen wir uns an, was für Reflexionen auf der Grenzfläche sichtbar werden. Und ist diese Grenzfläche zum Beispiel die „akustische Dimension der Innenarchitektur“, dann können wir diese Reflexion genauer untersuchen, beschreiben und bewerten. Die Erkenntnisse dieser theoretischen Beschreibung können dann Vorlage für zukünftige Raumbewertungen werden. Werfen wir das Licht von anderen Seiten auf unser Objekt, treffen die Wellen auf andere Grenzflächen. Jedes Mal in einer anderen Dimension.
Eine nicht vollständige Aufzählung dieser möglichen Dimensionen in der Innenarchitektur könnten sein:

  • ästhetische Dimension
  • physikalische Dimension
  • zeit- und kulturgeschichtliche Dimension
  • psychologische Dimension
  • soziologische Dimension
  • raumakustische Dimension

WARUM ?

Wie kommen wir nun aber von der Theorie der Innenarchitektur zu der von Thomas Geuder beschriebenen „Bereicherung“ unseres Berufsstandes? Ich glaube, dass am Anfang dieser „Bereicherung“ die Erkenntnis stehen muss, dass theoretische Ansätze der unterschiedlichsten Art uns mehr Handlungskompetenz an die Hand geben. Wer ernstlich davon ausgeht, dass zwischen Theorie und Praxis ein Gegensatz besteht, womöglich sogar ein unüberbrückbarer, blockiert sich nicht nur in seiner geistigen Weiterentwicklung, sondern auch in seiner professionellen Praxis. Denn in Wirklichkeit gibt es kein zielgerichtetes Handeln ohne eine „Theorie“, das heißt ohne eine Annahme über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Gerade uns Praktikern helfen Theorien enorm, denn sie helfen uns, die Komplexität der Realität in den Griff zu bekommen und die richtigen Ansatzpunkte für ein wirksames Entwerfen zu finden.

WO?

Aus meiner Sicht fehlt uns aber auch noch der Ort, an dem all die theoretischen Erkenntnisse gesammelt werden und für uns auf Abruf bereit stehen. Die Hochschulstruktur in NRW mit den InnenArchitektur Fakultäten, die ursprünglich Fachhochschulen waren und die aus Werk-Kunstschulen hervor gingen, fühlten sich in der Vergangenheit der Praxis mehr verpflichtet. Die Hochschule hier in Detmold hat erste Schwerpunkte gesetzt. Mit dem Perception Labhat die Hochschule nun ein Werkzeug an der Hand, welches speziell dazu dient, wissenschaftlich und empirisch ermittelte Erkenntnisse über Wahrnehmung in Verbindung mit konkreten Erfahrungen aus der Planungspraxis zu einem anwendungsbezogenen Instrumentarium der Planung und Gestaltung in Hochschule und Praxis zu entwickeln. Zum Beispiel an der RWTH Aachen gibt es einen eigenen Lehrstuhl für das Lehr- und Forschungsgebiet „ArchitekturTheorie“. Das ist für uns sicher noch ein langer Weg dahin.

Ich fasse zusammen:

  1. Eine eigenständige „Theorie der Innenarchitektur“ ist notwendig.
  2. Wir Innenarchitektinnen und Innenarchitekten müssen aktiv die „Theorie der Innenarchitektur“ als ein mögliches Werkzeug unserer Arbeit annehmen.
  3. Wir benötigen auch in NRW Orte an der die Theorie der Innenarchitektur für die Ausbildung, die Fort- und Weiterbildung zur Verfügung steht.

Zum Ende unsere Veranstaltung heute möchte ich gemeinsam mit Ihnen darüber nachdenken, wie wir das Thema für uns präsent halten können.“

Wir danken den Referenten des Fachforums für den fundierten und inspirierenden geistigen Einstieg in die Dimensionen der Innenarchitektur:

Prof. Dr. Martin Ludwig Hofmann, Lehrgebiet „Humanwissenschaften im Kontext der Gestaltung“, Studiendekan an der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur der TH OWL. Sein Thema lautet:„Die humanwissenschaftliche Dimension der Theorie der Innenarchitektur“

und

Frau Professorin Ulrike Kerber, Mitglied im bdia, sie lehrt an der TH OWL unter anderem die Grundlagen des Entwerfens – Innenarchitektur. Ihr Beitrag für uns lautet: „Die phänomenologische Dimension der Theorie der Innenarchitektur“

Anbei nun einige Impressionen des Fachforums in der TH OWL.
Interessierte wenden sich bitte an den bdia nrw.

Landesmitgliederversammlung

Im Anschluss an das Fachforum fand die Landesmitgliederversammlung (LMV) des bdia nrw statt. Zentrale Themen waren die bdia Präsidiumswahlen auf der BMV 2019 mit einem Aufruf zur Kandidatur für das Präsidium, die aktuelle Entscheidung des EuGH zur HOAI sowie die Kammerwahl 2020 in NRW. Dabei wurden zuerst Kandidaten für die Ausschusstätigkeit recherchiert. Die Kampagne des bdia nrw wird bei der LMV 2020 vorgestellt. Das ausführliche Protokoll wir Ihnen in den kommenden Tagen sowohl per Post zugesendet und als Datei zum Download hier zur Verfügung gestellt.