„Wir Gestalter tragen Verantwortung.“ Editorial von Vera Schmitz, BDIA Präsidentin

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Vera Schmitz, BDIA Prasidentin

Liebe Leser und Leserinnen, das Planen von Innenräumen in Zeiten des demografischen Wandels wird uns Innenarchitektinnen und Innenarchitekten zukünftig immer mehr beschäftigen. Die Menschen werden älter und ihre Bedürfnisse an die Lebensumfeld ändern sich. Die Folgen der Überalterung und die damit verbundenen Krankheitsbilder werden zunehmend sichtbar. Neben „normalen“ Mobilitätseinschränkung rückt eine spezielle Herausforderung immer mehr in den Vordergrund, die Demenz. Wissenschaft und Medizin stehen mit ihren Erkenntnissen über Ursache und Behandlung dieser Erkrankung noch ziemlich am Anfang, doch sicher ist, dass die Zahl der Betroffenen zunimmt und Heilung derzeit nicht in Aussicht ist. Für das Jahr 2030 wird laut Statistik allein in Deutschland mit 2,5 Millionen Demenzkranken gerechnet.

Demenz ist ein Überbegriff für eine Gruppe verschiedene Krankheitsbilder. Dabei gehen elementare Funktionen wie Gedächtnis, Orientierung, Auffassungsgabe, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen nach und nach verloren. Plant man für die betroffenen Menschen Räume, ist es entscheidend, sich näher mit der veränderten Wahrnehmung und ihren Lebenswirklichkeiten zu beschäftigen. Menschen mit Demenz verlieren unter anderem die Fähigkeit des logischen Denkens und Handelns. Dagegen kann das emotionale Gedächtnis und Empfinden länger erhalten bleiben. Für eine gute Betreuung und Pflege der Menschen bedarf es einer Bündelung unterschiedlicher Kompetenzen und Disziplinen. Auch die Architektur und Innenarchitektur von Gebäuden nimmt entscheidend Einfluss und kann unterstützend einwirken auf Verhalten und Befinden. Licht, Farbe, Material und Einrichtung spielen dabei eine sehr wesentliche Rolle.

Gestalterische Unachtsamkeiten können durchaus zu Problemen führen
Reize und Impulse aus der Umwelt werden nicht in der uns gewohnten Art wahrgenommen sondern lösen Reaktionen aus, die unsinnig erscheinen können. Plant man für Menschen mit Demenz, muss man die eigenen Gestaltungsprinzipen bewusst betrachten und auf Ihre Wirksamkeit für diese spezielle Nutzergruppe prüfen, die auf Sinneseindrücke aus ihrer Umwelt unmittelbar reagieren und diese mit Resterinnerungen und Emotionen verknüpfen. Lebensgewohnheiten und Biografien der Betroffenen bilden hier eine wichtige Grundlage und Basis für das Verständnis für die Betroffenen.

Als Gestalter von Innenräumen für Menschen mit Demenz trägt man Verantwortung, insbesondere bei der Planung von Pflegeheimen, Wohngruppen oder Pflegeoasen. Dort werden Bewohner oftmals mit einer völlig neuen Umgebung konfrontiert, Die Sicherheit aus der gewohnten Umgebung ist verloren, vertraute Erinnerungswelten werden zurückgelassen und bisherige Handlungsmuster passen nicht mehr. Der Lebensraum sollte so gestaltet sein, das möglichst wenig Entscheidungen von den Bewohnern abverlangt werden („Nichts Neues mehr lernen müssen“) und die Umgebung eindeutig und ablesbar ist. Die Orientierung im Raum ist ein wesentlicher Aspekt und verlangt formale Klarheit sowie Kontinuität und den bewusster Einsatz von Sichtbezügen und Verbindungen. Orientierungshilfen sollten bewusst eingeplant werden. So ist z.B. der Einsatz von Farbe prinzipiell nicht immer zielführend und die veränderte Farbwahrnehmung im Alter muss berücksichtigt werden. Jede Stimulation kann sich sehr individuell auswirken, je nach Biografie des Menschen. Überstimulation verstärkt eher die Verwirrtheit, denn Menschen mit Demenz können verschieden Reize nicht gewichten. Eine mangelnde Stimulation führt hingegen zu Apathie. Auch das Sozialverhalten ändert sich im Verlauf der Krankheit. Die Individualität tritt in den Hindergrund und das Leben in der Gemeinschaft erhält einen höheren Stellenwert. Belebte Orte, an denen Schutz und Geborgenheit möglich ist, treten in den Vordergrund.

Planen und Bauen für Menschen mit Demenz ist eine Herausforderung und bedarf einer guten Beobachtungsgabe, einer gewissen Empathie und des Austauschs mit Betroffenen, Angehörigen und Pflegenden. Die Planungsansätze für ein geeignetes Lebensumfeld unterliegen einem ständigen Verbesserungsprozess und sollten auf Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.
In Anbetracht der zukünftigen Entwicklung in unserer Gesellschaft müssen wir uns außerdem mit Lösungen jenseits von Pflegeheim oder Wohngruppe beschäftigen.

Ihre Vera Schmitz

Erschienen in der AIT 10/2015