Endlich gute Nachrichten: zwei Wettbewerbe, die von höchster räumlich-gestalterischer Qualität und einer längst überfälligen Strategie zeugen. Und die Lippische Provinz als Vorreiter!? Die Alte Hansestadt Lemgo zeigte, wie es gelingen kann. Zwei Wettbewerbe für Grundschulen wurden in diesem Jahr verpflichtend nicht nur als Tandem, sondern als Dreierteam aus Hochbau-, Landschaft- und Innenarchitektur ausgeschrieben.
Ein Beitrag von Prof. Carsten Wiewiorra (zuerst erschienen in der AIT 10/2025)
Es gibt Wettbewerbe, die mehr sind als die Suche nach der besten Lösung. Sie sind ein Signal an die Branche, an die Auslober und an die Gesellschaft. Die jüngsten Schulbauwettbewerbsverfahren in der Alten Hansestadt Lemgo waren solche Signale. Bundesweit werden noch viel zu selten Planungsleistungen in Vergabeverfahren getrennt oder als Tandem ausgeschrieben. Hier wurden nicht nur Hochbau- und Landschaftsarchitekt*innen eingeladen, sondern ausdrücklich auch Innenarchitekt*innen – gleichberechtigt im Planungsteam. Auf der Suche nach der gestalterisch und pädagogisch besten Lösung wurde der Innenraum als bedeutender Faktor erkannt und in den Fokus gerückt.
Es macht unbedingt Sinn, die Innenarchitektur bei öffentlichen Vergabeverfahren oder Wettbewerben miteinzubeziehen, insbesondere um die Bauaufgaben der Zukunft zu lösen: das Bauen im Bestand, welches innovative und zukunftsorientierte Nutzungs- und Raumkonzepte, sensiblen Umgang mit dem Bestand und dezidiertes Materialwissen erfordert. Nicht zuletzt ist es die Innenarchitektur, die die Menschen und ihre Bedürfnisse ins Zentrum der Planung und Gestaltung stellt, sozusagen conditio sine qua non für Gebäude, in denen unsere Kinder so viel Zeit verbringen. Dass Innenräume wirken – und zwar im Zusammenspiel mit der Gebäudehülle und Struktur und der umgebenden Landschaft – hat man in Lemgo erkannt.
Grundschulen Lemgo-West und Kirchheide
Die Aufgabe beider Realisierungswettbewerbe umfasste die Sanierung und Erweiterung oder alternativ den Neubau der Gebäude. Der aktuelle Bestand der städtischen Grundschule Lemgo-West in Lieme und der Grundschule in Kirchheide ist für die aktuelle Nutzung zu gering und entspricht nicht dem Bedarf: Es fehlen Fach- und Nebenräume und multifunktional nutzbare Gemeinschaftsflächen, in denen die Schulgemeinschaft zusammenkommen kann. Besonderer Fokus wurde weiterhin auf Nachhaltigkeit und Inklusion gelegt sowie hinsichtlich der Tatsache, dass sowohl Schüler*innen als auch das Schulpersonal immer mehr Zeit in den Räumlichkeiten und Außenflächen der Schule verbringen. Der Lern- und Ganztagsbereich soll in zwei sozialräumlichen Clustern transformiert werden.
Die interdisziplinären Teams standen nun vor der herausfordernden Aufgabe, eine Entscheidung darüber zu treffen, ob ein Neubau und die Sanierung des Bestandes angebrachter seien. Der große Vorteil der „Trios“ war es, dass sich jede Disziplin auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren konnte. Der Innenarchitektur oblag die Aufgabe, die Struktur des Hochbaus zu nutzen und unter Berücksichtigung des Bestandes die jetzige Flur- zu einer zukünftigen Clusterschule umzuorganisieren. Raum- und Materialqualität gehören unbedingt zu den pädagogischen Konzepten genauso wie Farbe und Tageslicht. Vielleicht war es dann auch kein Zufall, dass auffällig gute Lösungen gefunden wurden, die den Bestand erhalten sollten, und Einschränkungen aus dem Altbau räumlich interessante Kontexte ergeben haben.
Der 1. Preis im Wettbewerb Grundschule Lemgo-West ging an bdia Innenarchitektin Anna Caspar zusammen mit dem Architekturbüro Marocco GbR für einen kompakten, neu gebauten Schulbaukörper, der sich harmonisch in das Ortsbild einfügt. Holz als zentrales Material, multifunktionale Räume ohne klassische Flure und ein lebendiger Schulhof prägen den Entwurf des interdisziplinären Teams. Auch die Entwürfe unter Beteiligung der Büros von bdia Mitgliedern sollen nicht unerwähnt bleiben (siehe Abb.).
1. Preis Wettbewerb Grundschule Lemgo-West in Lieme
Innenarchitektur: Anna Caspar Innenarchitektin, Berlin, Anna Caspar
Architektur: Büro Marocco GbR, Berlin, Fabian Reinsch
Mitarbeit: Timo Büscher, Tammo Spindler, Maximilian Wichary
Visualisierung: Grauwald-Studio, Berlin
Modellbau: Henriquez Maquette, Berlin
Landschaftsarchitektur: nsp landschaftsarchitekten stadtplaner Part-GmbB schonhoff schadzek depenbrock, Hannover, Christoph Schonhoff
Mitarbeit: Patricia Sohn
Den 1. Preis im Wettbewerb Grundschule Kirchheide sicherte sich das interdisziplinäre Team aus dem Architekturbüro htarchitektur und null2elf Innenarchitekten. Ihr Entwurf überzeugte durch die gelungene und respektvolle Transformation des Bestandsgebäudes, das klug aufgestockt und räumlich neu gegliedert werden soll. Dabei sollen spannungsreiche Lernräume mit hoher Aufenthaltsqualität und ein klar strukturierter Schulhof entstehen. Weitere bdia Innenarchitekt*innen legten ebenfalls überzeugende Entwürfe vor (siehe Abb.).
1. Preis Wettbewerb Grundschule Kirchheide
Innenarchitektur: null2elf Innenarchitekten Düsseldorf, Barbara Eitner und Birte Riepenhausen
Architektur: htarchitekur Henrike Thiemann Architekten, Münster, Henrike Thiemann
Mitarbeit: Frederik Stockhausen, Alexa Lehmbrock, Anna Luisa Levermann, Maike Runde, Kristin Sievers, Nina van Schwartzenberg, Mario Chej-Goebel, Marco Lau, Linda Verlage
Schulbau: Axel Schwinde, Münster
Tragwerk/Holzbau: gwi ingenieure, Münster, Bodo Schwenken
Modellbau: Wolfgang Mosler, Herne
Landschaftsarchitektur: Müller Dams Landschaften, Mirja Müller Dahms
Mitarbeit: Rieke Ahaus
Oftmals bleibt bei Wettbewerben die Ausarbeitung der Innenräume unberücksichtigt, obwohl diese immanent wichtig ist, speziell im Kontext der Pädagogik und einer gesunden und motivierenden Bildung unserer Kinder. Daher sind diese zwei Auslobungen so bemerkenswert. Bei den Entwürfen spürte man auf besondere Weise, dass die Gestaltungsteams bei null gestartet sind. Im Zusammenspiel mit der Hochbauarchitektur sind dabei hochgradig interessante Innenräume mit durchdachten Materialkonzepten, Raumfolgen, Lichtführung und Möblierung entstanden. Eine Schule wird nicht allein durch ihre Raumkubatur und ihre Fassade zu einem guten Ort für Lernen und Weiterentwicklung, sondern durch das Zusammenspiel von Baukörper, Innenraum und Freifläche. Der Raum wird hier zum zusätzlichen Pädagogen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist auch die räumliche Nähe der Alten Hansestadt Lemgo und der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe, deren größter Fachbereich die Detmolder Schule für Gestaltung ist, die wiederum die größte Schule für Innenarchitektur in Deutschland darstellt und außerdem die einzige Hochschule ist, an der alle vier Disziplinen gelehrt werden. Viele Dinge kommen hier positiv zusammen. Nichtsdestotrotz sollten diese beiden Wettbewerbe als Best-Practice gesehen werden, wie man durch durchdachte Wettbewerbsverfahren Qualität für ein menschbezogenes Bauen und nachhaltige Baukultur gleichermaßen erreichen kann. Es zeigt uns, was möglich ist, wenn alle Disziplinen von Anfang an zusammenarbeiten.
Ein weiterer Realisierungswettbewerb aus diesem Jahr sollte ebenfalls genannt werden. Die Stadt Gevelsburg bei Wuppertal hatte die Aufgabe gesetzt, die leerstehenden Warenflächen des ehemaligen Rupprecht-Hauses so zu planen, dass das Gebäude in zentraler Lage als Begegnungsstätte mit kulturellen und sozialen Einrichtungen wie Musikschule und Stadtbücherei umgenutzt werden kann. Die Besonderheit bestand darin, dass der Bestand in Skelettbauweise unbedingt erhalten bleiben sollte. Innenarchitekturbüros konnten ihre Entwürfe hier eigenständig einreichen – ein absolutes Unikum in der aktuellen Wettbewerbslandschaft. Bedauerlicherweise wurden jedoch keine Innenarchitekt*innen gesetzt oder ausgelost. Die ausgewählten Entwürfe zeigten auch nicht, welche Pozentiale der Bestand hat. Der in großen Teilen unsensible Umgang mit der Substanz führte dazu, dass das Gebäude eher wie ein Neubau wirkt. Neubau als Optimum ist in den Köpfen der Hochbauarchitekt*innen noch stark verankert im Gegensatz zu den Innenarchitekt*innen, die schon immer in einer vorgegebenen Hülle abrieten.
Die Beteiligung an Wettbewerben bedeutet natürlich immer einen erheblichen Arbeitsaufwand für die teilnehmenden Büros. Die Fristen sind eng gestrickt und neben dem Alltagsgeschäft investiert man Zeit, Energie und Kreativität in eine Aufgabe, die einem noch nicht einmal eine Kompensation, geschweige denn einen Gewinn verspricht. Dennoch lohnt sich aus meiner Sicht die Investition: Jede erfolgreiche Beteiligung macht sichtbar, welchen Wert Innenarchitektur für die Baukultur hat. Und Sichtbarkeit schafft Akzeptanz, auch bei zukünftigen Auslobungen.
2. Preis Wettbewerb Grundschule Lemgo-West in Lieme
Innenarchitektur: baukind GmbH, Berlin, Nathalie Dziobek-Bepler, Andrea Rausch
Mitarbeit: Gil Ja Geiss
Architektur: DMSW Architekten Dahlhaus Müller Wehage Partnerschaft mbB, Berlin, Julia Dahlhaus, Michael Müller, Philipp Wehage
Mitarbeit: Jana Possehn, Mathis Winkels, Liza Shylichave
Modell: Monath + Menzel, Berlin
Tragwerk: Ifb – Michael Kühl, Berlin
Landschaftsarchitektur: Rehwaldt Landschaftsarchitekten, Dresden, Till Rehwaldt
Mitarbeit: Martin Mengs
3. Preis Wettbewerb Grundschule Lemgo-West in Lieme
Innenarchitektur: Büro Korb GmbH, Hamburg, Thomas Korb
Mitarbeit: Anne Pfisterer
Architektur: bof architekten bücking, ostrop, flemming partnerschaft mbb, Hamburg, Bert Bücking, Patrick Ostrop, Ole Flemming
Mitarbeit: Florian Hoch
Modellbau: Boje Modellbau, Norderstedt
Landschaftsarchitektur: Bruun & Möllers GmbH & Co.KG, Hamburg, Bertel Bruun, Moritz Möllers
Mitarbeit: Marcella Knaack
Entwässerung und Starkregenvorsorge: BWS GmbH, Hamburg
Wettbewerb Grundschule Kirchheide
Innenarchitektur: DÖLL Innenarchitekturbüro, Frankfurt am Main, Pia A. Döll
Architektur: hhs Planer + Architekten AG, Kassel, Andreas Wiege
Mitarbeitende: Franziska Schwarz, Andreas Schöner, Niklas Rieckmann, Ilka Berger, Linda Bi, Laura Festor, Friederike Huttary, Justin Koch
Landschaftsarchitektur: Schöne Aussichten Lanschaftsarchitektur, Martin Blank
Mitarbeiterin: Marina Decker



















































