Die Zukunft der Innenarchitektur beginnt an den Hochschulen. Beim bdia Hochschultag Innenarchitektur 2026 am 22. Juni an der Hochschule Coburg diskutierten Lehrende der Innenarchitekturstudiengänge in Deutschland über die Qualität der Lehre, Baukompetenz, das Berufsbild und die Anforderungen einer sich wandelnden Berufspraxis. Die daraus entstandene gemeinsame Erklärung formuliert zentrale Positionen für eine zukunftsfähige Ausbildung und fordert verlässliche Rahmenbedingungen, damit die Kompetenzen von Innenarchitektinnen und Innenarchitekten ihr volles Potenzial entfalten können.
Gemeinsame Erklärung des bdia Hochschultages Innenarchitektur 2026
Hochschule. Wissen. Wirklichkeit. Wie ist unsere Lehre?
Innenarchitekturstudierende beschäftigen sich ganzheitlich mit Wechselwirkungen zwischen Raum, Mensch, Gesellschaft und Umwelt. Innenarchitektur gestaltet Lebensqualität, Gesundheit, Teilhabe und Identität. Die Fähigkeit, diese Zusammenhänge in Planungs- und Entscheidungsprozesse einzubringen, ist eine zentrale Kompetenz zukünftiger Innenarchitektinnen und Innenarchitekten.
Im Studienjahr 2025/26 studieren rund 4.000 junge Menschen Innenarchitektur an den 17 Hochschulstandorten in Deutschland. Davon haben ca. 900 ihren Master- oder Bachelorabschluss absolviert. Der Staat investiert gezielt in eine hochqualifizierte Ausbildung, die Fachpersonal genau dort befähigt, wo es für die Umbauwende dringend gebraucht wird: an der Schnittstelle von gebauter Umgebung, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit.
Im Rahmen des Hochschultages tauschten sich Lehrende über die Vielschichtigkeit der Lehrinhalte sowie die Vielfalt der Hochschulprofile. Neue Lehrkonzepte wurden vorgestellt. Die Diskussion zeigte, wie breit und technisch fundiert die Ausbildung an den Standorten aufgestellt ist, weit über das öffentliche Bild einer rein gestalterischen Disziplin hinaus.
Baukompetenz als Grundlage einer zukunftsfähigen Innenarchitektur
Innenarchitektur ist eine gestalterisch-planende Disziplin, die die bauliche Umsetzung zum Ziel hat. Die Vermittlung von Baukompetenz bleibt daher ein unverzichtbarer Bestandteil der Ausbildung. Mit Blick auf den notwendigen Wandel des Gebäudebestands gewinnen insbesondere Bestandsumbau, Transformation und ressourcenschonende Planungsprozesse an Bedeutung. Neben gestalterischen und theoretischen Kompetenzen bilden Kenntnisse über Konstruktion und Materialität, Tragwerk und technische Gebäudeausrüstung, Kreislaufwirtschaft und Bauprozesse sowie über die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Grundlage einer verantwortungsvollen Planung.
Ein Widerspruch im System: Investition ohne Abruf
Nach dem Studium stehen den Absolventinnen und Absolventen grundsätzlich vielfältige Berufswege offen: die Gründung eines eigenen Büros, eine Anstellung in einem Planungsbüro, eine Tätigkeit bei Behörden, Kommunen oder Ländern sowie in Verwaltung und Industrie. Diese Breite zeigt, wie vielseitig einsetzbar die erworbene Qualifikation ist.
Gerade die Arbeitsrealität selbstständiger und freier Innenarchitektinnen und Innenarchitekten offenbart jedoch einen erheblichen Widerspruch: Vielerorts kommt es bei Bauvorhaben zu Schwierigkeiten bei der Genehmigung durch die Bauämter, weil die Bauvorlageberechtigung der Innenarchitektinnen und Innenarchitekten (die Berechtigung, einen Bauantrag zu stellen) für bestimmte Bauaufgaben bundesweit uneinheitlich ausgelegt wird. In der Folge können Genehmigungen ausbleiben oder der Zugang zu Bewerbungsverfahren bei öffentlichen Bauausschreibungen wird verweigert.
Dieser Zustand erzeugt einen handfesten Widerspruch im System: In eine hochqualifizierte Ausbildung werden jährlich Mittel und Erfahrung investiert, jedoch wird die so aufgebaute Fachexpertise nach dem Studium nicht in vollem Umfang abgerufen. In modernen Unternehmen würde dies einen Effizienzbruch genannt werden. Obwohl die Architektenkammern die Qualifikation der Absolventinnen und Absolventen beim Eintrag in die Kammer und bei der Aufnahme des Titelschutzes „Innenarchitekt*in“ umfassend prüfen und anerkennen, wird dieselbe Qualifikation bei der praktischen Berufsausübung – etwa im Zusammenhang mit der Bauvorlageberechtigung – mancherorts infrage gestellt. Eine einmal bestätigte fachliche Kompetenz darf jedoch nicht erneut zur Disposition stehen. Die hochqualifizierte Ausbildung sollte sich in einem reibungslosen Verfahren bei der Antragstellung von Bauvorhaben wiederfinden.
Das Berufsbild weiterentwickeln und sichtbar machen
Innenarchitektur verbindet Gestaltungskompetenz mit technischem Wissen, Nutzerorientierung und strategischer Prozesssteuerung. Sie wirkt an der Schnittstelle von Architektur, Ingenieurwesen, Design, Gesundheit, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Entwicklung. Diese Vielschichtigkeit muss sowohl in der akademischen Ausbildung als auch in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung, einschließlich der berufsrechtlichen Rahmenbedingungen, stärker sichtbar werden. Die 17 Hochschulen sehen es daher als gemeinsame Aufgabe, ein zeitgemäßes und umfassendes Verständnis des Berufsbildes zu vermitteln und die gesellschaftliche Relevanz der Innenarchitektur kontinuierlich sichtbar zu machen.
Qualität der Lehre braucht verlässliche Rahmenbedingungen
Die Anforderungen an Studium und Beruf wachsen stetig. Gleichzeitig stehen Hochschulen unter zunehmendem wirtschaftlichen und strukturellen Druck. Eine qualitätvolle Ausbildung in der Innenarchitektur benötigt angemessene personelle Ressourcen, gut ausgestattete Werkstätten und Labore, projektorientierte Lehrformate sowie ausreichend Raum für individuelle Betreuung und interdisziplinären Austausch. Die Teilnehmenden des Hochschultages sehen hierin eine wesentliche Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der Disziplin und ihrer Ausbildung.
Innenarchitektur war nie gefragter als heute
Während andere über die Krise der Baubranche sprechen, liefert die Innenarchitektur die Antworten. Besonders im Innenraum lässt sich aus dem Bestehenden mit gezielter Planung statt großem Aufwand Neues entwickeln.
In einer Gesellschaft, die zunehmend nach Zusammenhalt, Teilhabe und Begegnung sucht, sind es gerade gestaltete Innenräume wie Bibliotheken, Gemeinschaftsräume, Quartierstreffs, öffentliche Foyers, die demokratische Räume erst möglich machen. Es sind Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Generation und Lebenslage zusammenkommen können.
Umbauwende im Bestand, demografischer Wandel, Fachkräftemangel und die Gestaltung öffentlicher Räume sind große und aktuelle Aufgabenfelder der Innenarchitektur, mit einer gesellschaftlichen Wirkung weit über die Disziplin hinaus. Diese Verantwortung verdient mehr Sichtbarkeit in der Ausbildung und in der öffentlichen Wahrnehmung. Zugleich braucht sie weniger Hürden im Berufsausübungsrecht.
Die Hochschulen fordern einen kontinuierlichen Austausch zwischen Hochschulen, Praxis, Kammern und Berufsverbänden. Nur durch diesen Dialog können neue Anforderungen frühzeitig erkannt, Lehrinhalte weiterentwickelt und Studierende auf die Realität eines sich wandelnden Berufsfeldes vorbereitet werden. Zukunftsfähige Lehre entsteht dort, wo wissenschaftliche Erkenntnisse, praktische Erfahrungen und gesellschaftliche Herausforderungen miteinander verknüpft werden.
Coburg 22.06.2026

