Durch die Möglichkeit eines erweiterten Präsidiums mit bis zu fünf Vizepräsident*innen hat die Bundesmitgliederversammlung im November 2025 beschlossen, Verantwortung breiter zu verteilen und die operative Arbeitsfähigkeit zu stärken. Die Option einer kommissarischen Nachbesetzung stellt sicher, dass der Verband handlungsfähig bleibt. Susanne Brandherm und Andrea Rausch unterstützen das Präsidium seit diesem Jahr als kooptierte Vizepräsidentinnen. Zum Beginn ihrer Amtszeit haben wir sie zu einem Gespräch getroffen.

Wenn ihr an die kommenden Jahre im Präsidium und eure Teilhabe an der Ausrichtung und Gestaltung des bdia denkt, was möchtet ihr im Verband bewegen?
Andrea: Ich wünsche mir, dass der bdia als starke Partnerin im politischen Diskurs wahrgenommen wird. Unsere Expertise im Umgang mit dem Bestand, unsere Nähe zu den Nutzenden, die Vielfältigkeit unserer Tätigkeitsbereiche und die gesellschaftliche Relevanz gut gestalteter Räume machen uns zu wertvollen Gesprächspartner*innen für aktuelle baupolitische Fragestellungen. Das Präsidium, der Bundesrat und auch die Landesverbände haben gemeinsam die Aufgabe diese Potentiale nach außen sichtbar zu machen und gleichwohl nach innen die Mitglieder darin zu stärken selbst sichtbar zu werden und sich aktiv einzubringen. Sei es in Form von ehrenamtlicher Mitwirkung oder aber auch mit der eigenen Arbeit. Ich vertraue dabei sehr auf die intensive Netzwerkarbeit, die ich seit meinem Beitritt vor 10 Jahren deutschlandweit immer wieder erlebe und auf die Transformationsfähigkeit unseres Verbands, die sich gerade in den letzten Jahren deutlich gezeigt hat.
Susanne: Ich möchte aktiv zur Weiterentwicklung unseres Berufsstandes beitragen und den bdia als kompetente, engagierte und zukunftsorientierte Stimme der Innenarchitektur sowohl innerhalb der Branche als auch in der Öffentlichkeit deutlich sichtbar machen. Dabei ist es mir besonders wichtig, Themen voranzubringen, die unsere Arbeit relevanter, sichtbarer und wirksamer gestalten. Aufgrund meiner langjährigen beruflichen Erfahrung kenne ich die Herausforderungen, Chancen und Zusammenhänge unseres Berufsfeldes sehr genau. Dieses Wissen möchte ich nutzen, um den Dialog zwischen Praxis, Lehre und Politik zu stärken, den Nachwuchs zu fördern und Impulse in Richtung gesellschaftlicher Verantwortung und nachhaltiger Gestaltung zu setzen. Ich sehe den bdia als lebendigen Ort der Zusammenarbeit – eine Gemeinschaft, die voneinander lernt, sich gegenseitig inspiriert und gemeinsam die Zukunft der Innenarchitektur gestaltet.
Welches berufspolitische Thema liegt euch besonders am Herzen?
Andrea: Zum einen ist es die Anpassung der Bauvorlageberechtigung für unseren Berufsstand. Die momentane Gesetzeslage dazu ist heterogen und schränkt uns in viele Bundesländern erheblich in unserer Berufspraxis ein. Das ist ein dickes Brett, umso besser ist es, dass wir hier in die Architektenkammern und auch in den BAK Ausschuss Innenarchitektur gut vernetzt sind und das Thema von allen Seiten angehen.
Susanne: Besonders am Herzen liegt mir die Anerkennung und Sichtbarkeit unseres Berufsstands. Innenarchitektur soll nicht nur gestaltet, sondern auch verstanden und geschätzt werden – in Bauprojekten, in der Politik und in der Gesellschaft. Ich setze mich dafür ein, dass unsere fachliche Expertise sichtbar wird, Qualitätsstandards gestärkt werden und Nachhaltigkeit sowie gesellschaftliche Verantwortung fest in unserer Arbeit verankert sind. Mein Ziel ist es, Innenarchitektur als kraftvolle, strategische und wertvolle Disziplin zu positionieren
Andrea: Ebenso wichtig sind Marktzugang und Wirtschaftlichkeit oder auch das sich ändernde Berufsbild: Die meisten Innenarchitekturbüros sind Einzelunternehmen, gleichermaßen gibt es immer mehr Angestellte in größeren Strukturen. Es ist meines Erachtens essenziell, dass man sich als Angehörige oder Angehöriger eines freien Berufes auch mit der eigenen Haltung auseinandersetzt. Hier wünsche mich mir, dass wir es schaffen den Wert unserer Arbeit weiter nach vorne zu stellen und unsere Mitglieder ermutigen das Privileg des freien Berufes und die damit einhergehenden Verpflichtungen zum Wohle der Gesellschaft ernst zu nehmen.
Wo seht ihr die die größten Chancen für die Innenarchitektur in den nächsten 10 bis 20 Jahren?
Susanne: Ich sehe große Chancen für die Innenarchitektur, wenn wir als Berufsstand erforderlich für die Gestaltung zukunftsfähiger Räume bleiben und es selbstverständlich sehen, Qualität, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung in unsere Arbeit zu integrieren. Dabei können wir tonangebend in der Entwicklung neuer Konzepte sein, visionär denken, innovative Ansätze vorantreiben und langfristig nachhaltig wirken – für Räume, die Menschen inspirieren und die Umwelt respektieren.
Andrea: Wir arbeiten seit jeher im Bestand, oder auch bestehenden Strukturen. Die Wertschöpfungskette Bau ist jetzt seit Jahren auf dem Weg zu einer Bauwende. Spannend ist jedoch, dass die Innenarchitektur mindestens genau so viel Müll produziert und durch die Schnelllebigkeit von Trends auch durchaus in vielen Sektoren, z. B. Markenarchitektur. Hospitality, Messebau, kaum ressourcenschonender oder klimaverträglicher agiert als der Hochbau. Wenn sich dies ändert – und wir zeigen, dass es auch im Innenraum mit zirkulären Bauweisen und Beschaffungsmethoden geht – hat es meiner Meinung nach einen echten Impact auf diejenigen, die die Räume später nutzen. Es ist doch wunderbar, dass unsere Projektlaufzeiten oftmals kürzer sind und wir so die Chance erhalten ganz zeitnah zu zeigen, wie man es anders macht. Und gleichzeitig können wir so die Nutzenden inspirieren, den erlebten, klimaverträglich gestalteten Raum auch in anderen Lebensbereichen einzufordern. Ich wünsche mir, dass wir bei Bauaufgaben der öffentlichen Hand, bei Kindern- und Altenwohnen, im Klinik- und Museumsbau noch viel öfter von Anfang an mitbeauftragt werden. In meiner Wahrnehmung haben wir den Zugang bereits öffnen können und jetzt die Chance zu zeigen, was wir können.
Und zum Schluss: Welches Motto begleitet euch im Berufsalltag?
Andrea: Ich versuche immer sehr aufs Zwischenmenschliche zu achten. Sowohl im eigenen Team als auch mit dem Auftraggebenden, Projektbeteiligten, Handwerkerinnen und Handwerkern. Wenn die Planungs- und Bauaufgaben komplizierter, die Terminkette enger, das Budget straffer, die Kompromisse größer werden ist es mir wichtig das Miteinander nicht zu verlieren. Ich plane mit Menschen, nicht nur für sie.
Susanne: Mich begleitet im Berufsalltag das Motto, stets in Bewegung zu bleiben, Chancen zu erkennen, offen für neue Perspektiven zu sein und mit Begeisterung gemeinsam Dinge zu gestalten. Diese Haltung prägt auch meine Arbeit im bdia – immer mit dem Ziel, Entwicklungen voranzubringen und Menschen miteinander zu verbinden.

Susanne Brandherm ist Innenarchitektin bdia. Nach verschiedenen Stationen in Kölner Innenarchitekturbüros gründete sie 1999 zusammen mit Sabine Krumrey das Büro brandherm + krumrey interior architecture, dessen Standort in Köln von ihr geleitet wird. Neben ihrer gestalterischen Tätigkeit lehrte sie von 2013 bis 2015 an der Hochschule Trier und hat aktuell einen Lehrauftrag an der Hochschule Düsseldorf, PBSA.

Andrea Rausch ist Innenarchitektin bdia und Projektleitung im Berliner Büro baukind. Zuvor war sie sowohl stellvertretende Landesvorsitzende des bdia Berlin/Brandenburg als auch Vorstandsmitglied der Berliner Architektenkammer.
Foto Präsidium: Till Budde
Foto Brandherm: Hanna Witte
Foto Rausch: Finn Eidam