bdia ausgezeichnet! Master für Saskia Maoro: „Badesaal“

Bachelorarbeit SS 21 an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe, Detmold
Betreuung: Prof.in Ulrike Kerber, Prof. ir. Michel Melenhorst

Badesaal
Entwurf und Konzeptionierung eines Badehauses in einem ehemaligen Auditorium

Die Pflege des eigenen Körpers ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Und doch bleibt vor allem Menschen, die über keinen eigenen Wohnraum verfügen, der Zugang zu einem würdevollen und sicheren Bad verwehrt. Mit Obdach- und Wohnungslosigkeit gehen zudem oftmals Stigmatisierung und die Verdrängung aus dem öffentlichen Raum einher. Aus dieser Problematik entwickelte sich der Entwurfsgedanke für ein öffentliches Badehaus, um zum einen Menschen ohne Obdach den Zugang zur persönlichen Körperpflege zu ermöglichen und zum anderen einen niedrigschwelligen Begegnungsort für die gesamte Gesellschaft neu zu denken.

Die Thermen der Antike, das arabische Hamam, die mittelalterlichen Badestuben und das auch heute noch bestehende japanische Sentō, waren und sind nicht nur funktionale Orte des Waschens, sondern gleichermaßen soziale Institutionen. Ein Ort, an dem der Mensch regeneriert, wurde zum gesellschaftlichen Mittelpunkt. Menschen, unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Stand, fanden sich dort neben dem Baden auch für gemeinschaftliche Begegnungen zusammen. Die Badekultur galt als fester Bestandteil des städtischen Lebens, jeder hatte das Recht auf das gemeinsame Bedürfnis nach Hygiene und Teilhabe.

Angelehnt an den historischen Kontext, soll diese Arbeit die Bedeutsamkeit der Körperpflegerituale für die Würde des Menschen hervorheben. Die Grundlage für den Entwurf eines öffentlichen Badehauses ist ein leerstehendes Auditorium der FH Bielefeld mit einer anschließenden Eingangs- und Foyerzone sowie ehemaligen Parkplätzen im Außenraum. Das Gebäude befindet sich in der Wilhelm-Bertelsmann-Straße, angrenzend an den Ravensberger Park. Dort findet man die historische Ravensberger Spinnerei, die Bielefeld auch den Namen „Leineweberstadt“ verleiht.
In der nahegelegenen Polizeiwache befand sich bis 1999 ebenfalls ein Hallenbad und im benachbarten Wiesenbad wird auch heute noch geschwommen.

KONZEPTGEDANKE
Das Entwurfskonzept basiert auf dem Gedanken, das Bestandsgebäude in seiner symmetrischen Form in Frage zu stellen und die Thematik der sich durchdringenden Baukörper wieder aufzugreifen. Dabei wird der Außenraum ebenso in den Entwurf einbezogen wie der Innenraum.
Durchdringungen finden sich auch im metaphorischen Sinne des Badehauses wieder: Das Trinken und die Berührung des Wassers mit unserer Haut, das Hören des Klanges, das Hinaus- und Durchblicken mit den Augen und das Einatmen frischer Luft.
Zugleich meint Durchdringung auch die Aneignung und Vermittlung zwischen zwei Körpern. In diesem Sinne stellen der Außenraum und das Foyer eine Zwischenzone dar, die Begegnung, Austausch und das Sinken von Hemmschwellen unterstützt. Ein Teil des Foyers kann für unterschiedliche Veranstaltungen wie beispielsweise Ausstellungen und Tauschbörsen genutzt werden.
So entstehen erste Berührungspunkte unter den Menschen und mit dem Ort.
Aus den Handlungen und Bedürfnissen nach Pflege, Schutz, Ruhe und Begegnung der Nutzer*innen entwickelt sich die Raumstruktur und Zonierung. Eine räumliche Trennung zwischen einem Frauen- und Männerbad gewährleistet insbesondere Frauen ein Gefühl von Sicherheit.
Die menschlichen Verschiedenheiten werden in räumliche Ebenen auf unterschiedlichen Höhen übersetzt, um das gesamte Raumvolumen des ehemaligen Auditoriums zu nutzen. Auf den Ebenen finden die Handlungen des Waschens, Badens, Ruhens und Freiluftbadens statt. Die Wegführung berücksichtigt, dass trotz der Geschlechtertrennung, Sichtbeziehungen entstehen, indem sich die Wandelgänge hin und wieder kreuzen oder aneinander entlangführen. Mal sieht man durch satiniertes Glas die Silhouette, mal durch einen Wandausschnitt am Boden die wandelnden Füße einer anderen Person. Ergänzend ermöglichen die Liegewiese auf dem Dach und der Sommerpavillon eine gemeinsame Nutzung.
Die Wege führen wie Adern durch einen Körper, von der Ebene des Waschens hinauf zum Licht und hinab zur Quelle. Auf dem Weg hinauf zur Liegewiese blickt man von einem Plateau aus durch eine Dachöffnung in den Himmel. Geht man hinab, gelangt man auf einer Zwischenebene in die „Höhle“, einen Ort der Ruhe. Auf der untersten Ebene befindet sich die Quelle. Ein unterirdischer Wandelgang verbindet den Kern des Badehauses mit einem Außenpavillon für die Sommermonate. So werden Innen- und Außenraum miteinander verwoben.
Das Baderitual findet seinen Ausklang im Foyer am Trinkbecken mit dem Blick in den Außenraum. Von dort führt der Weg zum Verweilen an einem Wasserbecken entlang der Fensterfront.

MATERIALITÄT & GESTALT
Verschiedene Putzstrukturen, Farbtöne und fließende Materialübergänge erinnern an die Beschaffenheit und Unterschiedlichkeit unsere Haut: Sie kann weich, elastisch, glatt, rau, porös, faltig, pigmentiert, porig, haarig, feucht, trocken, tätowiert, zart, transparent und vielschichtig sein. Hin und wieder blitzen Spuren der ursprünglichen Fassade hervor.
Durch die weichen Übergänge von Boden, Wand und Decke wirkt der Raum wie ein Organ und umhüllt den menschlichen Körper. Die rauen, polierten, scharrierten, gekämmten und glatten Kalkputzoberflächen ziehen sich wie textile Bänder durch das Bad und verbindet die Räume miteinander. Die Steinzeugfliesen und der Sichtestrich im Foyer, sowie der fugenlose Terrazzo im Bad greifen die regionalen Materialien Sand, Kalkstein und Ton auf. Auch die eingesetzten Textilien orientieren sich in ihrer Materialität an Leinen und stellen so eine Verbindung zur Bielefelder Stadtgeschichte her. Saskia Maoro


Jury: Karin Michels | Innenarchitektin, Kerstin Geppert | Innenarchitektin, Lars Hildebrandt | Innenarchitekt, Kristina Herrmann, | MA Innenarchitektur, Tabea Dähn | BA / Innenarchitektur
Jurybegründung: Dieser hervorragende Entwurf eines Badehauses in einem ehemaligen Auditorium hebt auf ganz besondere Weise die Bedeutsamkeit der Körperpflegerituale für die Würde des Menschen hervor und schafft in einem bestehenden Gebäude einen wunderbaren, neuen Begegnungsort für die gesamte Gesellschaft. Überzeugend sind sowohl die Durchdringungen im Raum; die Wege, die wie Adern durch den (Bau-)Körper führen als auch die Übersetzung der menschlichen Verschiedenheiten in räumlichen Ebenen auf unterschiedlichen Höhen und der Bezug vom Innenraum zum Außenraum. Hervorzuheben ist außerdem die ausgewählte Materialität, die Gestaltung und die überzeugende Darstellung und Präsentation.