Nachhaltigkeit – ein „alter Hut“ in der Innenarchitektur

bdia Handbuch Innenarchitektur 2022/23 – Fachbeitrag von Thomas Bieber

Heute spricht jeder von Nachhaltigkeit. Es gibt aus allen Lebensbereichen zig Interpretationen, Definitionen und detaillierte Ideen und Konzepte hierzu, auf die ich in meinem Beitrag aber nicht weiter eingehen mag. Aber was bedeutet Nachhaltigkeit im ursprünglichen Sinn eigentlich? Der Duden gibt uns folgende einfache Definition dazu: „längere Zeit anhaltende Wirkung“ – und genau hier möchte ich meine Betrachtung ansetzen.

Was zunächst provokant klingen mag, möchte ich hier ausführen. Innenarchitektur ist in erster Linie Bauen im Bestand, seit jeher. Der sensible und verantwortungsvolle Umgang mit der vorhandenen Substanz, das Bewahren von Erhaltenswertem, die Wiederbelebung und Weiterentwicklung tot geglaubter Elemente, Szenarien und Ensembles dürfen durchaus nachhaltig genannt werden. Bauteile, deren Ursubstanz bereits geschürft, abgebaut und der Natur abgerungen wurde, welche zu Bau- und Werkstoffen zusammengeführt und veredelt wurde, welche wiederum gelagert, versandt, bearbeitet und letztendlich mit erheblichem Aufwand verbaut wurden, sind in Form gefügte, geballte Energie, die nicht unüberlegt abgetragen und auf dem Müll landen sollte. Dies wurde uns in der Lehre von Beginn an mit auf den Weg gegeben! Haben wir nicht auch aus diesem Grund Innenarchitektur studiert?

Nachhaltigkeit beginnt im Kopf

Nachhaltigkeit beginnt im Kopf, angemessen zu bauen. ist nachhaltig. Wieviel Raum benötige ich tatsächlich, was muss der Raum mir und meinen Mitnutzern bieten, welchen Einsatz an Material und Energie kann und will ich verantworten? Und ist „nicht(neu)bauen” eigentlich am nachhaltigsten?

Es gilt: Leerstand nutzen, Bestand vorsichtig entwickeln und veredeln! In diesem Sinne möchte ich beispielhaft ein Projekt vorstellen: ein einfaches Anwesen, in einer Übertragungsurkunde von 1929 als „Haus Nr. 259 ½“ benannt und bestehend aus Wohnhaus mit Keller, Stall, Schweinestall, Halle und Hofraum in Rimpar bei Würzburg.

Mittels dieser Urkunde ist nachzuvollziehen, dass in diesem bescheidenen Reihenhaus, welches über die Jahre hinweg fortentwickelt und den Anforderungen der jeweiligen Nutzer immer wieder angepasst wurde, inzwischen zumindest die fünfte Generation der Familie wohnt. Boten, Maurer, Schneider und Postboten waren dort zu Hause und die Geschosse wurden wechselseitig durch die Familiengenerationen bezogen.

Im Zuge dessen veränderte das Anwesen immer wieder leicht seinen Charakter. Ställe beherbergten Schweine, Ziegen und Kleinvieh, wurden zu Holzlager und Werkstätten, Garten wurde zu Hofraum, ein Nebengebäude zu einem Waschhaus und ein Zimmer zwischenzeitlich zu einer Schneiderwerkstatt.

Bis 2019 bewohnte das Ehepaar B., nach dem Tode der Eltern und dem Auszug der Tochter, lediglich die Wohnung im Erdgeschoss. Das Obergeschoss und der unausgebaute Spitzboden standen leer. Die erwachsene Tochter, selbständige Kommunikationsfachwirtin, wollte sich zu dieser Zeit ein helles, modernes Zuhause schaffen und erwog, anderweitig neu zu bauen. Durch Empfehlung kam die Familie während des Orientierungsprozesses auf uns zu und fragte, ob denn das kleine Gebäude durch einen Umbau des Obergeschosses und eine entsprechende Erweiterung im Dachspitz die Wünsche und Erwartungen der potentiellen Bauherrin erfüllen könne.

Nach einer Bestandsaufnahme und Analyse der Situation sowie dem Abgleich der Vorstellungen mit der Machbarkeit wurden erste Konzepte entwickelt. Letztendlich wurde eine Planung erstellt, welche dem Charakter des Anwesens angemessen war, dazu baurechtlich unproblematisch, ressourcenschonend und budgetgerecht auch den Anforderungen der Tochter entsprach.

Heute wohnt die Mutter (vierte Generation), ebenfalls gelernte Schneiderin, im Erdgeschoss und die Tochter im ehemals großelterlichen und im Jahr 2019 dann umgebauten Obergeschoss sowie im Zuge dieser Modernisierung hinzugezogenen, jetzt ausgebauten Spitzboden. Mit dem Umbau und Bezug des OGs und des Dachspitzes wurde der zwischenzeitliche Leerstand nach dem Tode der Großeltern wieder dem Wohnnutzen zu- und das Zweigenerationenleben im Hause fortgeführt.

Dass ein altes Gebäude auch mit angemessenen Eingriffen modernes und komfortables Leben bieten kann, davon zeugen das Ergebnis und die Zufriedenheit der jetzigen Bewohnerinnen.

Nachhaltigkeit bedeutet hier neben dem bei der baulichen Weiterentwicklung schonenden Umgang mit unserer Natur, Umwelt und deren Ressourcen auch den respektvollen und wertschätzenden Umgang mit den von Vorgenerationen geschaffenen Gebäuden und Werten sowie deren sinnvollen Weiternutzung im Gedenken an die bereits über Jahrzehnte eingebrachte Energie und das Herzblut der Familie.

Neu bedacht – Projektbeispiel Bauen im Bestand

Im Ortskern von Rimpar wurde in einem Zweifamilienhaus ein niedriges, enges Obergeschoss in eine lichtdurchflutete zweigeschossige Wohnung verwandelt und das bisher ungenutzte Dachgeschoss als Wohnfläche für die Wohnung ausgebaut.

Um eine großzügige Etage im 1.OG zu schaffen, wurden aus statischen Gründen und mangels ausreichender Raumhöhen die Decke und der Dachstuhl abgebrochen und wieder neu aufgebaut. Das Haus wird nun vom Erdgeschoss über das Obergeschoss zum Dachgeschoss hin immer offener und heller.

Durch den Rückbau vieler Wände ist der, der Straße abgewandte Raum mit Koch-, Ess- und Wohnbereich großzügig und lichtdurchflutet. Das Eichenparkett, welches sich durch beide Etagen zieht, in Kombination mit schwarz lackiertem Metall und viel Weiß sorgt für eine warme und moderne Atmosphäre.

Für zusätzliche Wärme und Gemütlichkeit an kalten Tagen sorgt der schwebende Kamin im Wohnbereich, welcher auch vom Essbereich einsehbar ist. Von der Küche aus hat man den ganzen Raum im Blick und steht so im direkten Kontakt mit Gästen und das durch die Fenster sichtbare Grün.

Hier wurde eine großzügige Schiebetür zur angrenzenden Dachterrasse eingebaut, die vom Essbereich aus einen Blick darauf gewährt. Diese ist seitlich an das Gebäude angebaut und hat einen Zugang zum Garten des Erdgeschosses.

Über den offenen Durchgang, an welchem sich hinter einer Schiebetür die Garderobe und die Abstellkammer verbergen, vorbei am Treppenlauf, gelangt man in den der Straße zugewandten Bereich mit Gästezimmer/Büro und Gästebad. Über den offenen Treppenlauf mit Akzentbeleuchtung wird man in das Dachgeschoss geführt, welches ohne eine räumliche Trennung zum Obergeschoss auskommt. Das Dachgeschoss selbst ist ein offener, großer Raum und lediglich das Bad ist durch eine Glastrennwand im Industrial Look abgeteilt. Selbst die freistehende Badewanne ist in den Schlafbereich integriert. Diese Offenheit und Weite wird durch die neu eingebauten Dachliegefenster betont und verstärkt.

Von Badewanne und Bett aus sieht man in die Weiten des Himmels, die Weinberge und hört die Vögel zwitschern. Von außen wird von keiner Seite aus ein Einblick in die Schlafetage gewährt. Ein an die Dachschrägen angepasster Einbauschrank bietet viel Platz für Kleidung und versteckt zudem den durch das Obergeschoss nach außen geführten Kamin. Die farbliche Gestaltung und die Auswahl der Materialien setzt sich auch im Dachgeschoss fort und wird sogar bis zu den schwarzen Armaturen des Badezimmers durchgezogen. Farbliche Akzente werden durch Accessoires wie Kissen, Kerzen und Grünpflanzen oder sonstige Dekoration gesetzt und können nach Lust und Laune ausgetauscht werden. So kann mit einfachen Mitteln immer wieder eine neue Atmosphäre geschaffen werden. Thomas Bieber