keine Beschränkung der Bauvorlage! Editorial von Vera Schmitz, bdia Präsidentin

Vera Schmitz, Präsidentin bdia

Editorial Heft 11 / 2018

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Innenarchitektinnen und Innenarchitekten übernehmen umfassend Verantwortung für die Sicherheit von Menschen in Gebäuden. Durch Ihre Kammerzugehörigkeit wird gewährleistet, dass sie aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Praxiszeit entsprechend vorbereitet sind. Aus diesem Grund ist zu bezweifeln, ob eine Einschränkung der Bauvorlageberechtigung von Innenarchitekten überhaupt zu rechtfertigen ist. Den „allkompetenten Entwurfsverfasser“ gibt es nämlich nicht – auch Hochbauarchitekten müssen Ingenieure und Fachplaner einbeziehen. Die Einschränkung sowie die Unsicherheit der Baubehörden in der Auslegung der Bauordnung kommt einer Behinderung der Berufsausübung ziemlich nahe. Wir fordern eine Allianz für eine echte Wertschätzung der Kompetenzen von Innenarchitektinnen und Innenarchitekten, die sich auch in der Genehmigungspraxis wiederspiegelt!

Herzliche Grüße
Ihre Vera Schmitz,
Präsidentin bdia


"Keine Beschränkung der Bauvorlage!" von RA Thomas Maibaum für den bdia

Der bdia bund deutscher innenarchitekten hat in seinem Engagement gegen die Beschränkung der Bauvorlageberechtigung für Innenarchitektinnen und Innenarchitekten im Sommer 2018 ein Gutachten bei Kanzlei Leinemann & Partner Rechtsanwälte beauftragt. Die dabei erarbeiteten Bausteine liefern wichtige Argumente, um die Gesetzgebung zu sensibilsieren und die Verwaltungspraxis positiv zu verändern. Lesen Sie hier die Zusammenfassung – und diskutieren Sie mit Ihren Kolleginnen und Kollegen. Wir bleiben dran am Thema!

Eine Abkehr von überzogenen Beschränkungen der Bauvorlageberechtigung ist geboten.

Für niemanden, der im Europäischen Binnenmarkt seinen Beruf ausübt und bereits in der Tradition eines Europäischen Binnenmarkts sein Hochschulstudium aufgenommen hat, ist die heute aufzufindende Situation nachvollziehbar:
Bei bundesweit quasi vollständig harmonisierten Qualifikationsvoraussetzungen für die Ausübung des Berufs werden Grenzen der zulässigen Berufsausübung in den Bundesländern substantiell unterschiedlich gezogen. Die teilweise gängigen erheblichen Restriktionen bei der Berufsausübung durch eine weitreichende Beschränkung der Bauvorlageberechtigung werden als willkürlich und nicht sachgerecht empfunden.

Einschränkung ist ein Eingriff in die Freiheit der Berufsausübung

Generell ist die Bauvorlageberechtigung erforderlich, um Genehmigungsplanungen für die Änderung bzw. Errichtung sowie den Abbruch von Bauwerken als verantwortlicher Planverfasser unterzeichnen zu dürfen. In der Praxis führt dies dazu, dass Planungsleistungen dort bestellt werden, wo eine entsprechende Berechtigung vorliegt. Damit besteht ein unabdingbarer Zusammenhang zwischen der Bauvorlageberechtigung und der Chance, Leistungen auf dem Planungsmarkt erfolgreich anzubieten. Beschränkungen der Bauvorlageberechtigung einer Berufsgruppe greifen deshalb spürbar in die Freiheit der Berufsausübung ein.

Ist die Beschränkung rechtlich zulässig?

Das Gutachten gelangt hinsichtlich der untersuchten Restriktionen der Berufsausübungsfreiheit der Innenarchitektinnen und Innenarchitekten zu einem klaren Ergebnis:
Es ist weder sachlich gerechtfertigt noch rechtlich zulässig, dass Innenarchitektinnen und Innenarchitekten im Rahmen ihrer Berufsausübung weiter gehenden Beschränkungen unterworfen werden, als es zur Erreichung legitimer und verfassungsrechtlich zulässiger Schutzziele tatsächlich notwendig ist. Die Grenzen des insofern Zulässigen werden zumindest in einigen Bundesländern systematisch überschritten.
In der Sache wird der Umfang der Bauvorlageberechtigung der Innenarchitektinnen und Innenarchitekten in der Verwaltungspraxis der für das Bauordnungsrecht zuständigen Bundesländer trotz weit gehend identischer landesgesetzlicher Regelungen unterschiedlich beurteilt. Das Spektrum des in einzelnen Bundesländern als zulässig Erachteten reicht dabei von der Bauvorlageberechtigung für planerische Maßnahmen,  die substantielle Änderungen an einem Bestandsgebäude nicht nur innerhalb der Kubatur mit sich bringen (wie  Anbauten, Erweiterungen und Aufstockungen) bis hin zu einer extrem restriktiven Sichtweise, nach denen nur Änderungen eines Bestandsgebäudes im geringen Umfang – nämlich wenn sie als „statisch-konstruktiv offensichtlich unproblematisch“ zu definieren sind – von der Bauvorlageberechtigung getragen werden sollen.
Die letztgenannte Restriktion der Berufsausübungsfreiheit ist als evident unverhältnismäßig und rechtlich unzulässig zu bewerten.

Bauvorlage ist an Qualifikationen geknüpft

Grundsätzlich ist es im Rahmen der bestehenden verfassungsmäßigen Ordnung zulässig, durch Gesetz oder auf gesetzlicher Grundlage Einschränkungen der Berufsausübung vorzunehmen. Dass die Freiheit des Einzelnen dort an ihre Grenzen stößt, wo ihre Ausübung zu Beeinträchtigungen Dritter führen kann, ist hierzulande selbstverständlich wird auch nicht ernsthaft hinterfragt. So erklärt es sich, dass der Gesetzgeber die Bauvorlageberechtigung an bestimmte Qualifikationen knüpft. Das Bundesverfassungsgericht  führt hierzu aus, dass der Sinn und Zweck der als zulässig  anzusehenden Bauvorlageberechtigung für bestimmte Berufsgruppen im Wesentlichen darin bestehe, die von mangelhaft errichteten Bauwerken ausgehenden Gefahren für die öffentliche Sicherheit zu verhindern. Das leuchtet ein. Insbesondere Fehlplanungen des Tragwerks haben tatsächlich Katastrophenpotential.

Den allkompetenten Entwurfsverfasser gibt es nicht

Aber ist es deshalb auch zulässig, die Bauvorlageberechtigung der Innenarchitektinnen und Innenarchitekten auf „statisch-konstruktiv offensichtlich unproblematische“ Bauvorhaben zu beschränken? Vielleicht auf den allerersten Blick. Schaut man sich die auch insoweit identischen landesrechtlichen Regelungen an, ist Folgendes festzustellen:
Den allkompetenten Entwurfsverfasser gibt es offensichtlich nicht. So müssen auch die gemeinhin als „unbeschränkt“ bauvorlageberechtigt angesehenen Hochbauarchitekten fallspezifisch geeignete und besonders qualifizierte Fachplaner hinzuziehen. In der Praxis ist denn auch so, dass Hochbauarchitekten in vielen Fällen einen Tragwerksplaner / Statiker und weitere Fachplaner hinzuziehen müssen und dies auch tun. Warum sollte dies nicht auch eine Innenarchitektin oder ein Innenarchitekt dürfen, wenn es um ein Vorhaben geht, das statisch-konstruktiv problematisch ist? Ein sachlich überzeugender Grund hierfür ist nicht ersichtlich.

Architektur und Innenarchitektur: unterschiedliche Schwerpunkte, große Schnittmenge

Nicht in Abrede zu stellen ist, dass die Studiengänge Architektur und Innenarchitektur unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Es darf dabei aber nicht außer Betracht bleiben, dass die Inhalte der Studiengänge eine so große Schnittmenge aufweisen, dass hinsichtlich der Bauvorlageberechtigung nur bestimmte Einschränkungen wie etwa hinsichtlich der Planung der Neuerrichtung größerer Bauwerke als gerechtfertigt angesehen werden könnten.
Ein Blick über die Grenzen zeigt übrigens, dass es – ohne Gefährdung der zweifelsfrei legitimen Schutzziele, die zur Begründung der Beschränkung der Berufsausübung herangezogen werden – auch völlig anders geht. In der Schweiz ist es beispielsweise so, dass es in einigen Kantonen einer Bauvorlageberechtigung bedarf, in anderen wiederum nicht. Dort vertraut man stattdessen auf die Prüfung des Vorhabens durch die (ausreichend qualifizierte) Bauverwaltung. Entwürfe für Bauvorhaben darf dort jedermann einreichen. Geht man davon aus, dass der deutschen Bauverwaltung eine kompetente Kontrolle von Bauvorlagen nicht zugemutet werden kann oder zumindest nicht zugemutet werden soll (vielleicht weil dort zu viel Kompetenz abgebaut worden ist?) stellen sich die hier untersuchten Beschränkungen der Berufsausübung der Innenarchitektinnen und Innenarchitekten im Ergebnis gleichwohl als unzulässig dar. Sie sind unverhältnismäßig, weil

  1. das Schutzziel der Sicherheit generell auch ohne eine Beschränkung der Bauvorlageberechtigung durch Hinzuziehung geeigneter Fachplaner gewährleistet ist und
  2. auch sekundäre Schutzziele keine derartige Beschränkung rechtfertigen, wie die Effizienz der Verwaltung, die bei Hinzuziehung geeigneter Fachplaner nicht gefährdet ist. Oder die gestalterische Planungsqualität, die nach Sicht des Gesetzgebers auch bei Zuerkennung einer „unbeschränkten“ Bauvorlageberechtigung an Ingenieure nicht gefährdet ist, deren Qualifikation in diesem Bereich aber generell geringer ist.

Eine Korrektur der restriktiven Rechtsanwendung der Bauvorlageberechtigung der Innenarchitektinnen und Innenarchitekten ist deshalb überfällig.

Autor des Gutachtens sowie der Zusammenfassung ist RA Thomas Maibaum, Kanzlei Leinemann & Partner Rechtsanwälte, Berlin.

Foto: Fit AG, Lupburg, Berschneider + Berschneider Architekten BDA + Innenarchitekten, Pilsach. Foto: Petra Kellner, Amberg. www.berschneider.com


Wenn ich mit dem Raum sprechen kann: Editorial von Vera Schmitz, bdia Präsidentin

Vera Schmitz, Präsidentin bdia

Editorial Heft 10 / 2018

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft muss für den Menschen und seine Lebensqualität erfolgen – und niemals gegen ihn. Menschen können äußerst anpassungsfähig sein - und sind doch gleichermaßen von Gewohnheiten abhängig. Ein Widerspruch? Meiner Meinung nach zeigt dies vor allem die immens komplexe Herausforderung, die wir bewältigen müssen – und mit wieviel Ideenreichtum und Kreativität wir uns dieser stellen müssen! Als Innenarchitektinnen und Innenarchitekten sind wir neugierig und wachsam zugleich gegenüber Trends, denn entwerfen wir den konkreten Raum. Die Entwicklungen der Digitalisierung durchdringen diesen Raum, aber sie werden ihn niemals ersetzen als den Ort, an dem wir uns real und unmissverständlich befinden. Lesen Sie heute im dritten Teil unserer Reihe, wie wir mit diesem Räumen durch digitale Techniken kommunizieren können.

Herzliche Grüße
Ihre Vera Schmitz,
Präsidentin bdia


3 Fragen an... Jana Vonofakos, Innenarchitektin bdia Hessen

Jana Vonofakos, Innenarchitektin bdia Hessen

1. Augmented Reality - Fluch oder Segen?
Segen. Ganz klar. Nicht jeder unserer Kunden hat ein Vorstellungsvermögen wie ein Architekt. Augmented Reality – also die erweiterte Realität - hilft uns Architekten dabei unsere Ideen zu visualisieren und auch für Bauherren greifbar zu machen.

2. Wohin würden Sie reisen, wenn Sie eine Zeitmaschine hätten?
Ich würde definitiv in die Zukunft reisen - vielleicht 2200? Wenn ab 2030 autonomes Fahren tatsächlich seinen Durchbruch haben wird, wäre ich sehr neugierig, was noch einmal knappe 200 Jahre später alles möglich ist. Neben der Architektur finde ich das Thema Fortbewegung in der Zukunft sehr spannend.

3. Was wünschen Sie sich angesichts des steigenden Komplexitätsgrads für die Zukunft des Berufstands?
Im Gespräch mit unseren Bauherren bemerke ich, dass ein gut gemachtes Rendering manchmal inzwischen weniger Aufsehen erregt, als eine schnell gemachte Handskizze während des Gesprächs. Das war vor 10 Jahren noch genau umgekehrt. Es wäre schön, wenn Architekten und Innenarchitekten diese Fähigkeit der schnellen Visualisierung einer Idee nicht komplett verlernen.


» www.vrai.de


"Wenn ich mit dem Raum sprechen kann" von Jana Vonofakos, bdia hessen

Von datenbasierter Handwerkskunst, empathischen Homepods und virtuellen Welten: Wie digitale Tools unsere Arbeit als InnenarchitektInnen verändern.
Und uns ermöglichen, individuelle Produkte wie Teppiche, Tapeten, Möbel und Leuchten anfertigen zu lassen. Diese Individualität ist das Herzstück unserer Arbeit.
Und das können wir zusammen mit unseren Kooperationspartnern mithilfe digitaler Tools umsetzen.


Balance zwischen handmade und digital

Zwei Beispiele: Für das Hotel Landhaus Wachtelhof, ein Luxus-Boutique-Hotel, das zwischen Hamburg und Bremen liegt, haben wir eine besondere Tapete von einem Illustrator entwerfen lassen. Wir haben damit die Wachtel, eingebettet in ein orales Ambiente, als Leitthema des Hotels aufgegriffen.

Ein anderes Beispiel ist das Hotel Park Inn in Frankfurt am Main, für das wir spezielle Neon-Leuchtschriften anfertigen ließen. Die Schriften wurden originär vom Hoteldirektor mit Füller geschrieben, anschließend digital erfasst und von einem Glasbläser gebogen. Die Schriften sind sehr präsent in Lounge und Empfang ein- gesetzt und verleihen der Atmosphäre einen besonderen, persönlichen Charakter. Ein Blickfang, zu dem man dem interessierten Gast eine Geschichte erzählen kann. Auch das undenkbar ohne digitale Tools. Und ein schönes Beispiel dafür, wie handwerkliche Arbeit und die Welt der Algorithmen zusammengehen können.

Smart Home ist ein großes Thema in unseren Hotel Interiors. Klassische Hotels wie der Wachtelhof zum Beispiel implementieren Haussteuerung in den Zimmern, die sich auch von der Rezeption aus bedienen lässt – der Gast soll davon wenig sehen und mitbekommen. Wenn die Sonne zu stark scheint oder der Wind zu heftig weht, werden die Jalousien heruntergefahren. Sobald der Gast ankommt, weiß das Personal dank des digitalen Systems, welche Vorlieben der Gast hat und kann darauf reagieren. Das passiert alles „unsichtbar“. 5-Sterne-Herbergen wie der Wachtelhof wollen Technik explizit nicht offensichtlich integrieren, da sie den Aufenthalt „menschlich“ gestalten möchten. In Berührung sollen die Gäste nur mit den Mitarbeitern kommen, deshalb wird die vorhandene Technik und Digitalisierung dezent verborgen. Andere Hotels wiederum, die eine junge und businessorientierte Zielgruppe ansprechen, wollen durch Technik ins Gespräch kommen und zeigen diese bewusst.

Homepods für einen entspannten Gast

Sprachsteuerung per Homepod ist ein wichtiger, neuer Trend. Prognosen zufolge werden Geräte wie Alexa oder Siri vermehrt in unser Zuhause einziehen. Google hat seinen Assistenten auf allen seinen Geräten bereits implementiert. Abgesehen von der gerade stark diskutierten Thematik um Datenschutz und Privatsphäre bringen diese Geräte mit ihrer „empathische Technologie“ viele Vorteile. Ich kann mit dem Raum sprechen, mit dem Haus, mit dem Gebäude – und bekomme eine Antwort. Wir werden Räume neu planen und denken mässen, denn diese kommunizieren und interagieren mit uns. Wir befinden uns gerade an einem Wendepunkt.

Und auch wir hier im Büro schauen auf neue digitale Prozesse, die unser Arbeiten fluider und effizienter, zudem kreativer und vielfältiger gestalten können. Wir arbeiten mit eigenen leistungsstarken Servern, worauf meine Kollegen und ich von überall aus zugreifen können, sodass ortsungebundenes Arbeiten möglich ist. Damit steht dem Homeoffice nichts im Wege und alle Mitarbeiter haben extraschnelle „Tunnel“, die sie mit unseren Daten verbinden. Das funktioniert reibungslos.

Ziel: intuitive Bedienbarkeit

Virtual Reality ist das andere Thema, das uns im Moment beschäftigt. Wir testen gerade, inwieweit Virtual Reality uns helfen kann, unsere Ideen dem Bauherrn zu vermitteln. Ob sie wirklich den Kunden überzeugen, ihm die Unsicherheit nehmen kann, wie es oft so schön heißt, werde ich noch sehen. Durch simulierte Räume wandeln, Objekte und Wände verschieben, Ausführungen von Möbeln und Einbauten oder Oberflächen und Lichtsituationen ändern – das wäre fantastisch! Da wir auch fotorealistische Renderings aus Gründen der Effizienz außer Haus machen lassen, könnte ich mir vorstellen, auch diese Leistung auszugliedern.

Auch Augmented Reality kommt in Frage – allerdings sind die bislang angebotenen Apps wie Pair, die eine kleine Auswahl von Möbeln bekannter Marken wie Herman Miller bietet, oder der App des Einrichtungshauses Ply aus Hamburg noch zu sperrig für mich, um sie beim Kunden anzuwenden. Es kommt auf die intuitive Bedienbarkeit der Software an, auf richtige Größenverhältnisse und natürlich auf die Produktauswahl – und die Möglichkeit, diese zu individualisieren. Sollte das gelingen, gehöre ich in diesem Fall dann sicher zu den „Early Adoptern“.

Jana Vonofakos, VRAI interior architecture, Frankfurt am Main
Der Artikel erschien ungekürzt im bdia Handbuch Innenarchitektur 2018/19.

www.parkinn.com/airporthotel-frankfurt


Design Thinking in Zeiten der Digitalisierung: Editorial von Vera Schmitz, bdia Präsidentin

Vera Schmitz, Präsidentin bdia

Editorial Heft 9 / 2018

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Thema Digitalisierung hat grossen Einfluss auf unser Leben und unseren beruflichen Alltag. Im 2. Teil unserer Themenreihe betrachten wir die Auswirkungen auf die Arbeitswelten. Ganze Berufszweige werden zukünftig scheinbar überflüssig und Produktionen kommen fast gänzlich ohne die menschliche Arbeitskraft aus. Auch in unserer Dienstleistungsbranche verändert sich einiges, das Arbeiten von unterschiedlichen Orten aus ist zur Normalität geworden. Arbeitsräume müssen also neu gedacht werden, gerade die klassischen Büroarbeitsplätze haben unter diesem Fokus für uns Innenarchitektinnen und Innenarchitekten große Aufmerksamkeit verdient. Es gilt, Orte zu schaffen, die Antworten auf die Veränderungen geben und es den Unternehmen erlauben, ihren Mitarbeitern ein geeignetes Arbeitsumfeld zu bieten. Eine erfahrene bdia Kollegin berichtet hierzu aus ihrer Praxis.

Herzliche Grüße
Ihre Vera Schmitz,
Präsidentin bdia


3 Fragen an... Monika Lepel, Innenarchitektin bdia Nordrhein-Westfalen

Monika Lepel, Innenarchitektin bdia Nordrhein-Westfalen

1. Was können Sie als Geschäftsführerin der Generation „Digital Immigrant“ von Ihren jüngsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den „Digital Natives“ lernen?
Da fällt mir spontan der flexible und offene Umgang mit digitalen Tools und Kanälen ein. Die zunehmende Vernetzung führt über einen leichteren und besseren Informationsfluss zu mehr Austausch und Innovationskraft. „Zeigen“ ist das neue „Lernen“. Und weniger besitzen bedeutet mehr Teilhabe. Ein sehr guter und entspannter Umgang mit Wissen: Ein Reisen mit leichtem Gepäck.

2. Was vermissen Sie aus der analogen Zeit am meisten?
Dreckige Raststätten und deren WCs, nur um für einen Termin in einer Stadt zu sein, die mich sonst nicht interessiert?! Nein, das sicher nicht. Aber ich habe eine Affinität zu schönen Terminkalendern. Was ich sonst vermisse, das kaufe ich mir vintage (lacht).

3. Künstliche Intelligenz - Fluch oder Segen?
Künstlich ist für mich o.k.! Eine künstlerische Intelligenz: Die wäre für mich schon eher schwierig.


» www.lepel-lepel.de


"Design Thinking in Zeiten der Digitalisierung" von Monika Lepel, Innenarchitektin bdia | Lepel & Lepel Köln

Die Digitalisierung hat längst einen Großteil unserer Lebensbereiche durchdrungen. „Gut so!“, sagen die einen, finden schnelle Problemlösungen und Anregungen in Foren und den sozialen Medien, buchen ihren Urlaub im Internet und halten mit Familie, Freunden, Kunden Kontakt auf der ganzen Welt. Andere dagegen hoffen, dass die Bank an der Ecke bleibt und sie bald den Ruhestand antreten können. Die digitale Transformation beschäftigt jeden von uns, auch die Unternehmen. Ihnen bietet die Digitalisierung neue Optimierungs- und Vermarktungsmöglichkeiten. Was bedeutet diese Entwicklung für uns Innenarchitektinnen und Innenarchitekten, die Arbeitswelten konzipieren und planen? Unseren Auftraggebern sage ich: „Wenn wir das Büro der Zukunft gestalten wollen, müssen wir uns der Rituale annehmen.“


Denken wie ein Nutzer

Arbeitsprozesse, egal welcher Art, sind geprägt von wiederkehrenden Handlungen, Ereignissen, Kontakten und Orten. Als Innenarchitektin erkenne ich in ihnen auch Rituale, die in unseren Entwürfen den alles bestimmenden Ausgangspunkt der Raumplanung darstellen. Rituale stellen eine entscheidende Verbindung zwischen den beiden Polen der Sesshaftigkeit und des neu gelebten Nomadentums im Büro dar. Je komplexer die Prozesse, desto größer ist die Bedeutung, die alltäglichen Rituale zu erhalten und neu zu etablieren. Wie können Themen wie Ressourcenmanagement, Diversität, Change-Prozesse und konzentrierte Arbeitsbedingungen für Menschen, die agil, transparent, in virtuellen Teams dauerhaft konzentrierte Arbeit leisten sollen, planerisch gelöst werden? Diesen Fragen stellen wir uns bei jedem individuellen Auftrag neu und strukturieren offene Grundrisse in Zonen für unterschiedliche Arbeitsrituale, denken statt in Mauern in flexiblen Boxen und Wandsystemen, schaffen mit Farben und Mustern identitätsstiftende Orte.

Da der ritualisierte Bürotag lange, bevor man sich vor den Computer setzt, beginnt, sind Signale, die den Mitarbeiter willkommen heißen und ihm Orientierung geben, schon beim Ankommen wichtig: im Gebäude, auf seiner Etage oder in seinem Bereich. Orientierungszonen dienen hier als Filter zwischen Ankommen und spezifischer Tätigkeit alleine oder im Team. Analoge Flächen wie magnetische Wände und pinnbare Akustikflächen sind großartige Möglichkeiten, bei digitalen Prozessen ohne viel Aufwand und für alle sichtbar, Pläne festzuhalten, Prozesse zu visualisieren und Aufgaben, aber auch Fortschritte zu verdeutlichen.

Grundsätzlich sehe ich heutige Arbeitsplätze als Werkstätten an: Handwerker haben vor Ort beim Kunden die Werkzeugtasche dabei. In der Werkstatt gibt es die Werkbank. Als Innenarchitektin nehme ich die Herausforderung an, klare und selbsterklärende Werkstattkonzepte zu entwerfen und Mitarbeitern in einem nomadischen Umfeld das Gefühl von Heimat, Verlässlichkeit und Identität zu vermitteln.

Mutig bleiben

Eines der stärksten und bewusstesten Rituale ist wohl der Gang in die Mittagspause. Das gemeinsame Essen und vielleicht sogar Kochen wird als teambildendes Element immer wichtiger. Küchen und Bistros sind Orte, an denen man gestalterisch in die Vollen gehen und Identität abbilden kann. Über Kaffee- und Mittagspausen hinaus können Orte, an denen mittags gegessen wird, abends als Veranstaltungsorte genutzt werden. Oft werden diese positiv besetzten Orte dann auch gerne spontan als flexible Arbeitsplätze genutzt.

Single Box und Conference World: Um absolut fokussiert arbeiten zu können, ist der Rückzug an einen ganz eigenen Ort ein wichtiges Ritual, das nicht einfach so passiert. Wer sich aus dem Arbeitsgeschehen in der Gruppe zurückzieht, wendet dafür viel Energie auf und verdient einen Raum der absoluten Konzentration.

Formelle Besprechungsräume haben über Unternehmen hinweg ihre eigenen festen, repräsentativen Rituale. Man tritt ein, die Tür wird bedeutungsschwer geschlossen. Der Tisch steht als Zeichen, dass hier Wichtiges verhandelt wird. Dezentrale Teams erfordern virtuelle Besprechungsräume, die Videocall und Chats bündeln. Wir lassen auch hier Kreativität einkehren mit beschreibbaren Wänden, die virtuelle Prozesse und Entscheidungsfindung unterstützen. Für die Freiflächen bleibt genug Wand für Konzepte, die Belebung und Identität transportieren.

Wie ein Innenarchitekt zu denken, ermöglicht es, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, wenn es um neue Lösungen für die Zukunft geht. Das Büro 4.0 ist der Weg im Unternehmen, die Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung durchgängig und nachhaltig zur Steigerung der Unternehmensleistung zu nutzen. Das Faszinierende an der Digitalisierung ist, dass es trotz und wegen der komplexen Technologien möglich ist, über Rituale als Gestaltungsprinzipien eine nachweisbar erfolgreiche und nachhaltige Umsetzung zu erreichen. In diesem Sinne wünsche ich: Frohes Schaffen!

Monika Lepel, Innenarchitektin bdia, Lepel & Lepel Köln
Der Artikel erschien ungekürzt im bdia Handbuch Innenarchitektur 2018/19.


Digitalisierung. Editorial von Vera Schmitz, bdia Präsidentin

Vera Schmitz, Präsidentin bdia

Editorial Heft 7 und 8 / 2018

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im aktuellen bdia Handbuch Innenarchitektur 2018/19 schreiben drei bdia Kolleginnen über die Herausforderung der Digitalisierung für unseren Beruf und unseren Alltag.
Wir möchten diese individuellen und hochspannenden Positionen auch hier in unseren bdia Nachrichten in der AIT (in einer gekürzten Version) vorstellen, denn wir können uns nicht intensiv und differenziert genug mit diesem komplexen Thema beschäftigen. Der Austausch über Positionen, Konzepte, Vorgehensweisen, Soft- und Hardware und Kundenerfahrungen wird also immer wichtiger. Als einziger Berufsverband für die Innenarchitektinnen und Innenarchitekten in Deutschland engagieren wir uns besonders für den Wissenstransfer und die kollegialen Netzwerke. Konkurrenzgetriebene Abschottung bringt uns nicht weiter, das Teilen von Know-how und Erfahrungen ist ein wesentlicher Bestandteil für unseren beruflichen Erfolg.
Wir wünschen Ihnen also ein anregendes Lesevergnügen mit der kleinen Reihe zur Digitalisierung in den kommenden drei Ausgaben.

Herzliche Grüße
Ihre Vera Schmitz,
Präsidentin bdia


3 Fragen an... Larissa Kadner, Innenarchitektin | bdia Bayern

Larissa Kadner, Innenarchitektin | bdia Bayern

1. Digitalisierung bedeutet auch die Erweiterung von Realitäten. Ist Ihre reality schon digitally augmented?
Nein, überhaupt nicht. Allerdings fände ich manchmal eine Überlagerung der geplanten Wirklichkeit mit der Wirklichkeit 'im Bestand' schon hilfreich. Sowohl für den Kunden, als auch für uns Planer.

2. Künstliche Intelligenz - sollten wir über ein neue Ethik diskutieren?
Ich denke nicht. Zwar ergeben sich aus der Artificial Intelligence neue Herausforderungen und Fragen, aber diese sollten meiner Meinung nach mit den gleichen humanen Prinzipien beantwortet werden können, die unser Handeln jetzt schon leiten.

3. Was wünschen Sie sich angesichts des steigenden Komplexitätsgrads für die Zukunft des Berufstands?
Eine wachsende Komplexität kann man nur mit dem entsprechenden Wissen beherrschen. Außerdem ist dabei eine klare Leistungsverteilung, aber auch eine gute Zusammenarbeit wichtig. Daher glaube ich ist sowohl das entsprechende Bildungs- bzw. Weiterbildungsangebot grundlegend, als auch eine engere und transparentere Verknüpfung mit den anderen Planern.


» www.laka-lab.com