Der bdia an den Hochschulen: Editorial von Vera Schmitz, bdia Präsidentin

bdia Praesidentin Vera Schmitz_2015
Vera Schmitz, bdia Präsidentin

 

Editorial Heft 11 / 2017

Liebe Leser und Leserinnen,

„Kannst du knicken!“ Eine freche Aussage, die natürlich mit dem bekannten Innenarchitekten-Klischee spielt. Man könnte sich eigentlich darüber ärgern – vor allem, wenn Hochbaukollegen damit ihre Unkenntnis über unseren Beruf zur Schau tragen. Gutgelaunt allerdings sehen wir, dass das Studium Innenarchitektur bundesweit einen wachsenden Zulauf erfährt, und damit scheint der Nachwuchs für die räumlich-bauliche Perspektive von innen heraus - gerade vor dem Hintergrund des umfangreichen Bestandes, der umgebaut und aufgewertet werden will – gesichert. Der bdia ist die einzige Plattform, die die spezifischen Interessen unseres Berufes vertritt. Und dafür wollen und müssen wir unseren Nachwuchs begeistern!

Ihre Vera Schmitz,
Präsidentin bdia


3 Fragen an... Pia Döll, bdia Hessen

Pia Döll, bdia Vizepräsidentin

 

  1. Als bdia Vizepräsidenten und Vorstandsmitglied im ASAP* leiten Sie eine Fachgruppe, die Kriterien für das Studium Innenarchitektur mitgestaltet. Warum sind klare Richtlinien so entscheidend?
    Der Grundstein für den späteren Beruf muss bereits in der Ausbildung gelegt sein. Mit den „Fachliche Standards für die Akkreditierung von Studiengängen“ werden grundlegende Inhalte definiert. Wo „Innenarchitektur studieren“ draufsteht, muss auch der spätere „Beruf Innenarchitekt“ drin sein.
  2. Gibt es wesentliche Unterschiede zwischen den Studiengängen Innenarchitektur und Architektur?
    Der Fokus der Innenarchitekten liegt immer auf dem Innenraum. Im späteren Beruf gibt es dann viele Überschneidungen, Stichwort: Bauen im Bestand
  3. Halten Sie die Trennung dieser Disziplinen für zukunftsfähig?
    Wir sind alle Architekten in einer Kammer. Der Berufsstand der Innenarchitekten ergänzt sich in der Praxis idealerweise mit dem Berufsstand der Hochbauarchitekten. Dann bleiben wir zukunftsfähig!

ASAP*: Akkreditierungsverbund für Studiengänge der Architektur und Planung

 

 


Verbandsarbeit braucht Nachwuchs!

Kissenknicker? Stühlerücker?

Es gibt viele Klischees, die Studierenden der Innenarchitektur anhaften. Wir, der bdia bund deutscher innenarchitekten, halten dagegen und engagieren uns seit über 60 Jahren für das Berufsbild der Innenarchitekten als eigenständige, unverwechselbare Disziplin. Und zwar nicht nur für eingetragene Innenarchitekt/innen, sondern auch für unseren Nachwuchs.

Ob mit fachkompetenter Beratung, einem umfangreichen Seminarprogramm zur fachlichen Weiterbildung oder durch die Auszeichnung besonderer Abschlussarbeiten bieten wir Studierenden ein vielseitiges Angebot zum erfolgreichen Berufseinstieg.

Informiere dich unter www.bdia.de


„Weil ich mir nichts Schöneres vorstellen könnte, als das Leben anderer durch ästhetische und sinnvolle Gestaltung positiv zu beeinflussen“ war eine von vielen Antworten auf die Frage: „Warum Innenarchitektur?“, die wir Studierenden vor der Sommerpause im Rahmen einer bdia Umfrage an den Hochschulen gestellt haben.

Selbstorganisation als Wert

Über 300 Studierende der Fachrichtung Innenarchitektur konnten wir nicht nur zu den Gründen der Studienwahl, sondern vor allem zu ihrem Wissen über unseren Berufsstand, den bdia und die Architektenkammern befragen. Unsere Erkenntnis? Unser Nachwuchs muss noch stärker für berufspolitische Themen sensibilisiert werden, denn es geht um die Zukunft unseres Berufs.

An der Hochschule setzen junge Menschen naturgemäß andere Schwerpunkte und legen den Grundstein für ein erfolgreiches Berufsleben. Der Schritt ins Berufsleben ist ein bedeutender, jeder kennt das aus eigener Erfahrung. Hier gilt es, sich zu behaupten und sich zu organisieren. Der Berufsverband bdia bund deutscher innenarchitekten kann dabei ganz unmittelbar helfen. Er kann beraten und Seminare anbieten und, und das ist vielleicht noch wichtiger: er kann eine starke Stimme für die Interessen, insbesondere auch der jungen Berufsanfänger sein. Das setzt ein Engagement auf allen Seiten voraus. Sich selbst zu organisieren ist auch für junge Menschen nichts Neues, und der bdia kann hierfür der richtige „Ort“ sein. Denn in dieser Selbstorganisation besteht ja der Wert eines Berufsverbandes und auch einer Kammermitgliedschaft. Ob man sich für eine Kammermitgliedschaft entscheidet und sich dann auch Innenarchitektin oder Innenarchitekt nennen darf, ist natürlich jedem selbst überlassen. Wir können dafür Sorge tragen, dass diese Entscheidung bewusst getroffen wird. Wir können gemeinsam über die Vorteile eines eigenen Rentensystems und der rechtlichen Möglichkeiten aufklären, die sich aus einer Kammermitgliedschaft ergeben.

Der Wert der Institutionen erschöpft sich aber nicht in diesen unmittelbaren Vorteilen. Gemeinsam eine Form zu haben, aus der heraus sich Dinge bewegen lassen, ist der Anspruch, den wir vermitteln möchten. Viele andere Berufe haben keine vergleichbare Plattform. Attraktiv ist der bdia und auch die Kammer nur, wenn auch junge Menschen die Erfahrung machen, dass Verbandsarbeit lebendig und durch eigenen Input veränderbar ist. Mit der Aktion „Kannst du knicken!“ möchten wir genau das an den Hochschulen vermitteln.

Autor: Constantin von Mirbach, bdia Bundesgeschäftsführer


Lehre nicht bedeutet nicht, einen Eimer zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen!

Interview mit Axel Müller-Schöll, Professor für Innenarchitektur/ Ausbaukonstruktion an der
Burg Giebichenstein / Kunsthochschule Halle

Eine Hochschule trägt große Verantwortung hinsichtlich der Ausbildungsqualität. Was sollten junge Menschen, die Innenarchitektur studieren möchten, von einer Hochschule erwarten dürfen?

Junge Menschen sollten von einer Hochschule erwarten, dass sie dort keine Schule mit einem statischen Lehrplan mehr vorfinden, sondern einen individuellen Zugang zu einer differenzierten Bildung bekommen, der eine zielfokussierte Weiterentwicklung eigener, angestrebter Kompetenzen ermöglicht. Einen solchen Lernort zu orchestrieren, die richtigen Themen aufzumachen, das notwendige Spannungsfeld aufzuziehen und dafür vernünftig bemessenen Örtlichkeiten zu schaffen – das bedeutet in der Tat eine große Verantwortung. Sie tragen zu können erfordert Erfahrung, Mut, Toleranz und Weitblick gleichermaßen. Im besten Fall entsteht somit ein facettenreiches Angebot, das den Studierenden zum individuellen Gebrauch einlädt – eine dezidierte Eigeninitiative, Diskussionsbereitschaft und Konzentration vorausgesetzt.

"Freiheit der Lehre" und „Praxistauglichkeit"? Ein Widerspruch?

Ein Arbeitsleben wird heute mit 40 Jahren bemessen, absehbar wird dies künftig noch länger sein. Aber weder Lernende noch Lehrende wissen, wie sich die Welt im kommenden halben Jahrhundert entwickeln wird. Darüber lässt sich nur spekulieren, in Kenntnis und Analyse des Gewesenen, oder einer Vorahnung folgend. Wenn ich darüber nachdenke, wer von meinen Professoren für meine eigene „Praxistauglichkeit“ wirklich wichtig gewesen ist, so waren es vor allem diejenigen, die existentielle Fragen stellten und solche zuließen; Typen, an denen man sich mit eigenen, auch gewagten Hypothesen reiben konnte und die weniger dem Interesse folgten, aus ihrem Gegenüber den Klon des eigenen Genius zu generieren. Sie ermutigten uns mit ihrer Überzeugung, dass „sich alles ändern muss, wenn es so bleiben soll wie es ist“ (Lampedusa) und folgten Heraklits Credo, dass „Lehre nicht bedeutet, einen Eimer zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen“. Unter anderem zur Vorbeugung von – um im Bild zu bleiben – Schwelbränden und Wasserschäden stattet die Gesellschaft Lehrende an einer Hochschule mit einer weitreichenden akademischen Freiheit aus. Wo davon mit Verstand und Leidenschaft Gebrauch gemacht wird, dort ist um Praxistauglichkeit nicht zu fürchten!

 


 

 

 

 

 


Neue Publikation "Handbuch und Planungshilfe MATERIALIEN UND OBERFLÄCHEN"

Das Handbuch Materialien und Oberflächen ist eine Bemusterungshilfe für Innenräume. Aufgrund der immer größer werdenden Vielfalt an Materialien im Innenausbau werden die Auswahl und die Bemusterung komplexer und zeitintensiver. Das Buch verschafft einen Überblick über alle Materialien für die Anwendungen Wand, Decke und Boden sowie Objekte.

Handbuch und Planungshilfe

Carsten Wiewiorra / Anna Tscherch

Das Handbuch Materialien und Oberflächen ist eine Bemusterungshilfe für Innenräume. Aufgrund der immer größer werdenden Vielfalt an Materialien im Innenausbau werden die Auswahl und die Bemusterung komplexer und zeitintensiver. Das Buch verschafft einen Überblick über alle Materialien für die Anwendungen Wand, Decke und Boden sowie Objekte. Kenntnisreich und praxisnah werden sowohl klassische Materialien als auch neue Werkstoffe und deren Einsatzmöglichkeiten beschrieben. Nicht nur das Material selbst ist für die Gestaltung der Oberfläche bestimmend, sondern auch die Fügung: Neben der Materialoberfläche sind auch Verlegemuster für die räumliche Wirkung ausschlaggebend. Im Buch werden die Materialien und Werkstoffe daher mit möglichst vielen Varianten von Verlegearten dargestellt. Dieser Titel vermittelt ein Grundlagenwissen über Materialien und deren Anwendung und ist somit als Nachschlagewerk, als Bemusterungshilfe und zum Studium geeignet. 

€ 98.00 inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

225 x 280 mm
480 Seiten
1.000 Abbildungen
Hardcover mit Gummiband

ISBN 978-3-86922-363-6


Wohnen im Alter: Editorial von Vera Schmitz, bdia Präsidentin

bdia Praesidentin Vera Schmitz_2015
Vera Schmitz, bdia Präsidentin

 

Editorial Heft 10 / 2017

Liebe Leser und Leserinnen,

na, gehöre ich auch schon dazu - zur älter werdenden Gesellschaft?
Ab wann ist man den Alt oder ein Senior? Wenn die Enkel dich Omi oder Opi nennen, wenn die Rente oder Pension ausgezahlt wird oder wenn das erste künstliche Gelenk Einzug in den Körper findet? Oder mit der ersten Versicherung zum Seniorentarif?
Nun, so eindeutig ist es wohl nicht festzumachen, jedenfalls fühlt sich jeder Mensch mit zunehmenden Alter jünger als er tatsächlich ist und keiner möchte sich gerne von Hilfsmitteln umgeben sein, die einem deutlich machen das nun ein "neuer" Lebensabschnitt folgt. Umso wichtiger ist es, das Lebensumfeld, insbesondere das Wohnumfeld hinsichtlich Komfort und Gebrauchstauglichkeit zu gestalten.
Am besten mit Innenarchitekten!

Ihre Vera Schmitz,
Präsidentin bdia


3 Fragen an... Jeannette Göbel, bdia NRW

Jeannette Göbel, Innenarchitektin bdia, NRW

 

  1. Wohnen im Alter – ein Thema für Ihre Bauherren?
    Gerade beim Badumbau, ein Bereich auf den ich mich spezialisiert habe, treffe ich häufig auf zukunftsorientierte Bauherren, die für das Alter vorausplanen wollen.
  2. Welche Trends beobachten Sie?
    Wenn es um eine Behinderung geht, können die Bedürfnisse und Anforderungen sehr unterschiedlich sein. Was aber immer ein Thema ist, sind Maßnahmen, die das Leben einfacher und bequemer machen und dabei eine individuelle und moderne Gestaltung berücksichtigen.
    Das ist für jedes Alter interessant.
  3. Warum sollten gerade Innenarchitekten dieses Thema besetzen?
    Für individuelle Wünsche die beste Lösung finden, dabei DIN Normen einhalten, baukonstruktive Gegebenheiten prüfen und das Budget berücksichtigen, dies alles sind Aufgaben, die ein Innenarchitekt täglich zu bewältigen hat.
    Die Meisten der Kollegen die ich kenne machen das mit viel Kreativität, Engagement und Leidenschaft.

 


Wohnen im Alter - Es geht uns alle an!

Wir alle werden alt. Und wir alle möchten dabei so gut leben, wie es geht. Zentraler Dreh- und Angelpunkt unseres Wohlbefindens ist dabei das Wohnen. Doch was muss bedacht werden, wenn die Kraft in Armen und Beinen nachlässt und jede banale Alltagshandlung zur Achtausenderbesteigung werden kann? Wir haben nachgefragt bei zwei Experten.


Wir Innenarchitekten sind gefragt!

Wie werde ich alt sein? Wann werde ich überhaupt alt sein? Das Alter als Zahl allein ist nicht entscheidend. Wenn ich Glück habe, führe ich hochbetagt ein fröhliches und selbstbestimmtes Leben und wohne bis zum Tod in meinen eigenen vier Wänden. Was aber wenn nicht? Und hängt mein Wohlergehen allein vom Alter ab? Persönliche Beschränkungen, körperliche Gebrechen, Krankheiten, mentale, psychische oder kognitive Veränderung können Menschen in jedem Alter betreffen.

Assistenz und Pflege im privaten Wohnumfeld lässt sich evtl. familiär oder organisatorisch lösen. Als Innenarchitektin empfehle ich oftmals mit kleinen Tricks schlanke Lösungen für bauliche Anpassungen und berate zu den finanziellen Fördermöglichkeiten.

In Seniorenzentren werden heute vorwiegend pflegebedürftige und demente Menschen betreut. Träger müssen knapp haushalten, es herrscht Personalnotstand und Zeitdruck. Es ist erwiesen, dass ein gutes Umfeld positive Auswirkungen hat. Gut gestaltete Räume und Strukturen beeinflussen das Wohlbefinden, verbessern die Orientierung und damit die Sicherheit der Bewohner. Weniger Unruhe und Stress wirken sich positiv auf die Senioren und damit auch auf Personal, Betreiber und Angehörige aus.

„Barrierefreies Bauen“ ist in den jeweiligen Bauordnungen verankert. Der Gesetzgeber definiert hier bauliche Grundsätze, detailliert diese durch die DIN 18040 und setzt somit Standards für den Wohnungsbau, damit wir möglichst lange und bis ins hohe Alter zuhause leben können. Diese Anforderungen bestimmen ein Gebäude aber so grundlegend, dass sie nicht erst mit der Werkplanung einfließen können, sondern bereits vor dem ersten Bleistiftstrich zu klären und zu berücksichtigen sind. Nur dann können aus den „Zwängen“ spannende, kreative, wirtschaftliche und damit auch nachhaltige Lösungen entstehen. Bauliche Standards reichen hierfür nicht aus. Hier ist das Know-how unserer Fachrichtung Innenarchitektur gefragt.

Autorin: Claudia Gerstner ist bdia Innenarchitektin, Sachverständige für Barrierefreies Planen und Bauen und Inhaberin von inexklusiv.de, Monheim


Mobilität, Freiheit, Autonomie

Als Mitglied der Babyboomer Generation entwickelt Michael Schlenke erfolgreiche Strategien für innovative Wohnformen im Alter. Nach seiner Ausbildung zum Möbeltischler, studierte er Betriebswirtschaftslehre in Rosenheim und arbeitete europaweit in der Einrichtungs- und Möbelindustrie. Zusammen mit dem BDIA hat er eine spannende Vortragsreihe unter der Überschrift ‚Wie werden wir im Alter wohnen? Zukunftsstrategien für die Aging Society’ ins Leben gerufen. Im Interview verrät er, warum sich die Berufsgruppe der Innenarchitekten mit dem Wachstumsmarkt Healthcare beschäftigen sollte.

In ihrer aktuellen Vortragsreihe stellen Sie die Frage, ob in Zukunft mehr Rollatoren als Kinderwagen unseren Alltag bestimmen werden. Was genau meinen Sie damit?

Ich möchte insbesondere die Kreativwirtschaft dafür sensibilisieren, dass wir in einer der ältesten Gesellschaften der Welt leben und uns der oft zitierte demografische Wandel bereits voll erwischt hat. Wir müssen heute – und nicht irgendwann in ferner Zukunft – an attraktiven Lösungen für das Wohnen im Alter arbeiten.

Welche Schwerpunkte gilt es zu beachten?

Es geht um Themen wie Mobilität, Freiheit, Autonomie und die Sicherstellung eines Lebensgefühls, das sich idealerweise am Bedarf möglichst aller Nutzergruppen orientiert. Erfolgreiche Innenarchitekten haben immer schon den Nutzer und seinen Bedarf im Visier gehabt. Jetzt heißt es den Fokus größer zu ziehen, um den besonderen Ansprüchen der älter werdenden Gesellschaft gerecht zu werden.

In Ihren Vorträgen sprechen Sie über so wichtige Themen wie Healing Architecture, Universal Design und die Bedeutung einer zielgruppengerechten Kommunikation. Bitte geben Sie uns ein Beispiel mit Bezug zum Healthcare Markt!

Im Prinzip ist es ganz einfach.  Schaffen Sie Räume, in denen Menschen sich wohlfühlen.  Zum Beispiel für die stetig wachsende, besonders schützenswerte Gruppe von Menschen mit Demenz. Sie werden schnell feststellen, dass sich in diesen Räumen eigentlich jeder gern aufhält. Aber bitte versehen Sie das Ganze nicht mit einer speziellen stigmatisierenden Überschrift.

Autor: Michael Schlenke, Inhaber des Beratungsunternehmens The Caretakers, Kaarst und Universal Design Experte.


 

 

 

 

 


Das reformierte Bauvertragsrecht: Editorial von Vera Schmitz, bdia Präsidentin

bdia Praesidentin Vera Schmitz_2015
Vera Schmitz, bdia Präsidentin

 

Editorial Heft 9 / 2017

Liebe Leser und Leserinnen,

Architektur und Innenarchitektur zu planen und umzusetzen sind komplexe Prozesse, beteiligt sind viele Menschen mit vielen Interessen.
Niemanden ist zu empfehlen, sich ohne einen abgeschlossenen Vertrag in der Tasche in diese Herausforderung zu begeben.
In der Praxis läuft es aus unterschiedlichen Gründen dann doch auch mal anders, aber im Grunde wissen wir alle, dass wir für uns entscheidende Verträge und Regelwerke kennen und beherrschen sollten. Spätestens ab dem kommenden Jahr müssen wir uns mit dem neuen Architekten- und Ingenieursvertragsrecht auseinandersetzen. Damit wurde das Werkvertragsrecht modernisiert und den Anforderungen von Bauvorhaben angepasst.
Wir möchten Ihnen auf diesen Seiten einen ersten Überblick geben.

Ihre Vera Schmitz,
Präsidentin bdia.


3 Fragen an... Jürgen Otte, bdia NRW

Jürgen Otte, bdia Landesvorstand NRW

 

  1. Was halten Sie vom neuen Vertragswerk?
    Ich finde es gut, dass wir Innenarchitekten mit unseren Verträgen nun auch im BGB mit regelnden Paragraphen vorkommen.
    Die neuen Ansätze zur "gesamtschuldnerischen Haftung" gehen mir in Bezug auf die Bau-Haftungs-Risikoverteilung nicht weit genug.
    Leider bleibt es auch für unser breit gefächertes Berufsbild ausschließlich beim Werkvertragsrecht mit all den Diskussionen bezüglich der zu erbringenden Leistungen und zur Mängelhaftung.
  2. Was raten Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen?
    Dass wir uns rechtzeitig vor dem 01.01.18 rechtliche Hilfestellungen für die Vertragsgestaltung mit unseren Bauherren holen und unsere Verträge anpassen. Gibt es Seminarangebote vom bdia?
  3. Haben Sie einen Wunsch an den Gesetzgeber für die Zukunft?
    Eine für alle am Bau Beteiligten gemeinsam abzuschließende "Objekt-Haftpflicht-Versicherung" wäre mein Wunsch für die Weiterentwicklung des Bauvertragsrechts.

 


Das neue Architekten- und Ingenieurvertragsrecht 2018

Das Gesetz zur Reform des Bauvertragsrechts und zur Änderung der kaufrechtlichen Mängelhaftung wurde im März dieses Jahres vom Deutschen Bundestag verabschiedet und tritt nächstes Jahr in Kraft. Im Vordergrund - so die Intention des Gesetzgebers - steht dabei der Verbraucherschutz.
»  Orientierungshilfe bietet ein bdia Seminar im Herbst!

Am 1.1.2018 tritt das Architektenvertragsrecht im BGB in Kraft. Die neuen §§ 650p - 650t gelten für alle Innenarchitektenverträge. Damit gibt es nun eine rechtliche Grundlage zum Architektenvertrag mit Vertragsdefinition, Änderungsrecht des Bauherrn, Regelungen zur Kündigung, Abnahme und gesamtschuldnerischen Haftung mit Bauunternehmern. Die Vergütung richtet sich weiterhin nach der HOAI.


 

Schwerpunkt Planungsgrundlage

Als vertragstypische Pflichten hat der Innenarchitekt die Leistungen zu erbringen, die nach dem jeweiligen Stand der Planung und Ausführung des „Bauwerkes“ erforderlich sind, um die vereinbarten Planungs- und Überwachungsziele zu erreichen. Dabei wird vorausgesetzt, dass der Innenarchitekt und sein Auftraggeber im Vertrag die zu erbringenden Leistungen definieren.
In § 650p Abs. 1 wird der Architektenvertrag behandelt, in § 650p Abs. 2 ein neuer Vertragstyp. Soweit wesentliche Planungs- und Überwachungsziele noch nicht vereinbart sind, hat der Innenarchitekt zunächst eine Planungsgrundlage zu erstellen. Wesentliche Planungsziele fehlen, wenn nicht klar ist, welchen Zweck die zu planenden Innenräume haben, welche Kosten entstehen und wie die Gestaltung erfolgen soll.
Die Planungsgrundlage setzt sich zusammen aus Teilen der Projekt- entwicklung, Grundlagenermittlung und Bedarfsplanung. Die eigentliche Planung ist nicht erfasst, da diese erst begonnen werden kann, wenn die Planungsgrundlagen feststehen.
Zur Planungsgrundlage hat der Innenarchitekt eine Kosteneinschätzung vorzulegen. Es handelt sich um eine Vorstufe der Kostenschätzung nach DIN 276, ähnlich der Kostenvorgabe bzw. Kostenrahmen.


 

„Kündigen ohne Begründung“ und „Einseitiges Anordnen“ sind Verbraucherschutz

Wenn dem Bauherrn die Planungsgrundlage und die Kosteneinschätzung vorliegen, kann er ohne Begründung den Vertrag kündigen, soweit er über diese Leistungen hinausgeht. Ein Architektenvertrag ab Leistungsphase 2 bis 8 HOAI kann erst rechtswirksam abgeschlossen werden, wenn der Bauherr die Planungsgrundlage und Kosteneinschätzung billigt und ihm nicht mehr das Sonderkündigungsrecht nach § 650r zusteht.
Der Innenarchitekt kann nach Vorlage der Planungsgrundlage/ Kosteneinschätzung den Vertrag kündigen, wenn der Bauherr seine Zustimmung verweigert oder innerhalb einer Frist von 2 Wochen nach Vorlage der Unterlagen keine Erklärung abgibt.
Wenn der Vertrag zustande gekommen ist, ist der Bauherr berechtigt, Änderungen der Planung einseitig anzuordnen. Diesen Wünschen muss der Innenarchitekt folgen, wenn es zur Erreichung des vereinbarten Werkerfolges notwendig und ihm zumutbar ist. Die Notwendigkeit bestimmt sich z.B. nach Baurecht, Brandschutz oder Auflagen des Bauamts.
Wenn der Bauherr eine andere Planung wünscht, muss der Innenarchitekt dieser Anordnung Folge leisten, wenn es für ihn zumutbar ist. Die Vergütung für geänderte Leistungen richtet sich nach der HOAI, soweit es sich um Grundleistungen handelt. Bei Besonderen oder außerhalb der HOAI liegenden Leistungen ist die Vergütung frei vereinbar, z.B. ein Pauschal- oder Stundenhonorar.


 

Teilabnahme, Mängel, Haftung

Geregelt ist auch, dass nach Beendigung der Leistungsphase 8 der Innenarchitekt eine Teilabnahme verlangen kann.
Neu ist die Zustandsfeststellung, die der Innenarchitekt verlangen kann, wenn der Bauherr die Abnahme verweigert, § 650g.
Die gesamtschuldnerische Haftung mit dem bauausführenden Unternehmer ist neu geregelt. Sofern der Mangel durch einen Ausführungsfehler des Unternehmers verursacht ist, ist der Bauherr verpflichtet, zuerst den Unternehmer zur Nachbesserung aufzufordern, bevor er vom Innenarchitekten Schadenersatz verlangt.


 

Die Autoren:
Prof. Dr. Peter Fischer, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht
Andreas T. C. Krüger, bdia Innenarchitekt und ö.b.u.v. Sachverständiger von der Architektenkammer NW für Honorare für Leistungen der Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten, Stadtplaner und Ingenieure


 

Noch Fragen?

Die Autoren werden am 21./22. September 2017 in Stuttgart und am 30. November/1. Dezember 2017 in Karben das neue Vertragsrecht, Vergütung und Abrechnung ausführlich und praxisnah für Innenarchitekten im Rahmen eines bdia Seminars darlegen. Mehr unter www.bdia.de